Profil

Bianca Hoffmann

Faktencheckerin

Bianca Hoffmann glaubt, dass gut gemachter Lokaljournalismus immer gebraucht wird. Als Überzeugungstäterin hat sie zuletzt ein regionales Nachrichtenportal im Ruhrgebiet mit aufgebaut und geleitet. Davor hat sie in und um Magdeburg bei einer Tageszeitung volontiert. Und weil nicht nur im Lokalen viel geredet wird, sorgt sie jetzt als Redakteurin bei CORRECTIV.Faktencheck für Tatsachen.

E-Mail: bianca.hoffmann(at)correctiv.org

big-bend-113099_1280
Der Fall des Pädophilen, dem von einem Hund in die Genitalien gebissen wurde, hat sich angeblich in Texas abgespielt. (Symbolbild: David Mark / Pixabay)

von Bianca Hoffmann

In einem Artikel wird behauptet, in den USA habe angeblich ein Familienhund einem mutmaßlich pädophilen Mann die Genitalien abgebissen. Diese Geschichte geht zurück auf eine mindestens drei Jahre alte Falschmeldung, die schon viele Male überprüft wurde.

Angeblich hat in den USA ein Familienhund einem mutmaßlich pädophilen Mann die Genitalien abgebissen. Ein Artikel, in dem das behauptet wird, wurde im Februar auf der Webseite Megawelt veröffentlicht. Seit Mitte Juli wird er wieder viel auf Facebook verbreitet. Insgesamt wurde er dort laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 8.800 Mal geteilt. 

In dem Text ist zu lesen, dass ein Mann aus „Arkansas, Teksas (sic)“ in das Kinderzimmer von zwei drei- und sechsjährigen Mädchen eingebrochen sei. Angeblich habe er sich an diesen vergehen wollen und dabei übersehen, dass der Familienhund in der Ecke schlief. Der habe dem mutmaßlichen Vergewaltiger in den „Penis und die Genitalien“ gebissen. 

Diese Geschichte kursiert seit vielen Jahren in leicht unterschiedlichen Formen im Internet. Mehrere Faktenchecker haben sie bereits überprüft, darunter auch CORRECTIV im Jahr 2019. Die Faktenchecker von Snopes aus den USA berichteten am 26. November 2017 als eines der ersten Medien darüber, Mimikama aus Österreich nahm sich 2018 dem Thema an. 

Die Geschichte, die sie damals überprüften, unterscheidet sich von bei Megawelt nur darin, dass sie sich an einem anderen Ort abgespielt haben soll: im Saline County im Bundesstaat Arkansas. Die Faktenchecker kamen zu dem Schluss: Der Vorfall hat sich nicht ereignet, die Geschichte ist erfunden. 

Geschichte des Hundes, der einen Pädophilen in die Genitalien beißt, stammt aus den USA

In dem Faktencheck von Snopes wird erwähnt, dass der ursprüngliche Artikel 2017 auf der alternativen Nachrichtenwebseite Neon Nettle erschienen sein soll. Der Artikel ist nicht mehr online, aber in einer archivierten Version nach wie vor abrufbar.

Eine Google-Suche auf Englisch nach „dog bites pedophile“ liefert keine relevanten Ergebnisse – bis auf den Faktencheck von Snopes. Vor dem 26. November 2017 – dem Erscheinungstag des Snopes-Artikels – gibt es keine Einträge bei Google für ein solches Ereignis. Hätte es sich tatsächlich ereignet, wäre zu erwarten, dass es Polizei- und mehrere Medienberichte darüber gibt.

Da es in dem Artikel von Megawelt keine Hinweise auf Quellen gibt, überprüfen wir die wenigen im Text genannten Fakten. 

Es gibt keinen Ort namens „Arkansas, Teksas“

Es gibt kein „Arkansas, Teksas“. Allerdings gibt es einen Ort namens Arkansas City im US-amerikanischen Bundesstaat Texas. Der ist allerdings so klein, dass er keine eigene Polizei hat. Wir haben deshalb bei der Polizeidienststelle des Landkreises „Starr County“ per E-Mail nachgefragt und bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Antwort erhalten. 

Eine Google-Suche nach dem Namen des mutmaßlichen Vergewaltigers, Randle James, brachte ebenfalls keine Ergebnisse, die in Zusammenhang mit der angeblichen Tat stehen könnten. 

Auch die Kombination des Namens mit „Arkansas“ und einer Eingrenzung der Suchergebnisse auf Einträge vor November 2017 fördert keine Belege zutage, dass es je einen Sexualstraftäter mit diesem Namen gab.

Viel mehr überprüfbare Eckdaten sind in dem Text von Megawelt nicht zu finden. Es gibt beispielsweise keinerlei Hinweise auf ein Datum, wann sich die Tat ereignet haben soll. 

Fotocollage zeigt Screenshot aus einem Video aus Großbritannien

Aber da ist noch eine Fotocollage, die verwendet wurde, um den Text zu bebildern. Darauf ist auf der linken Seite ein schreiender Mann im Krankenhaus zu erkennen. Und auf der rechten Seite sieht man einen Hund, dem Aussehen nach ein Pitbull, der die Zähne fletscht. Dieselbe Collage wurde bereits 2017 von der Seite Neon Nettle verwendet, von der die Geschichte ursprünglich stammt.

Diese Fotocollage wird verwendet, um die Geschichte über den Pädophilen zu bebildern, der angeblich von einem Hund in die Genitalien gebissen wurde. (Screenshot: CORRECTIV)
Diese Fotocollage wird verwendet, um die Geschichte über den Pädophilen zu bebildern, der angeblich von einem Hund in die Genitalien gebissen wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Originalbild dieses Hundes wurde in der Bilddatenbank Getty Images veröffentlicht. Es wurde schon im Jahr 2000 aufgenommen, und zwar in Paris. Und auch bei dem Mann handelt es sich nicht um den mutmaßlichen Täter. Vielmehr ist das Bild ein Screenshot aus einem Video, das einen Mann zeigt, der nach einem Skateboard-Unfall in einem Krankenhaus in Großbritannien mit Ketamin versorgt wurde – er schrie nicht vor Schmerzen, sondern offenbar vor Vergnügen.

Auch das Bild hat also nichts mit dem angeblichen Vorfall zu tun. Es gibt keinerlei Belege für diese Geschichte. Es handelt sich um eine Falschmeldung, die seit Jahren kursiert. 

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Die Geschichte vom Hund, der einem Pädophilen die Genitalien abgebissen hat, ist erfunden.

titelbild_wetterkarte
Dieses Bild wird aktuell auf Facebook vielfach geteilt. Es unterstellt den Medien, die Menschen anhand der Farbgestaltung von Wetterkarten zu manipulieren. (Collage: CORRECTIV, Quelle: Facebook)

von Bianca Hoffmann

„Normale Sommertemperaturen“ würden auf Wetterkarten inzwischen blutrot bis schwarz angezeigt, um die Zuschauer zu „manipulieren“. Das suggeriert ein aktueller Beitrag der Facebook-Seite „Frieden rockt“. Das Problem ist: Die gezeigten Karten zeigen unterschiedliche Darstellungen des Wetters. Sie lassen sich nicht miteinander vergleichen.

„Fühlst du dich manipuliert?“ – diese Frage wird in einem Facebook-Bild gestellt, auf dem drei Wetterkarten übereinander dargestellt sind. Eine stammt dabei angeblich von 2009, eine von 2019 und eine von 2020. Die angebliche Manipulation liegt in der verwendeten Farbgebung in Kombination mit den Temperaturen: Während auf der Karte von 2009 die Farbtöne Grün und Gelb bei 36 Grad Celsius vorherrschen, wird – so scheint es jedenfalls – bei der gleichen Temperatur im Jahr 2019 die Farbe Rot verwendet. Und auf dem unteren Bild sogar die Farbe Schwarz. 

Dabei seien die Temperaturen im Sommer seit Jahrzehnten die gleichen, heißt es in dem Text der Facebook-Seite „Frieden rockt“, der zu der Collage geteilt wird. Die Farben in den Bildern würden der Manipulation und Panikmache dienen, um die Diskussion um den Klimawandel anzuheizen. Für diesen Vorwurf gibt es nach unseren Recherchen keine Grundlage.

Diese Collage wird aktuell bei Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Bei der Facebook-Collage gibt es gleich mehrere Ungereimtheiten. Während die oberen beiden Wetterkarten augenscheinlich von der ARD stammen, handelt es sich bei der unteren Wetterkarte um einen Videoausschnitt des Weather Channel. Und auch die Karten der ARD zeigen unterschiedliche Ansichten einer Wettervorschau. 

Die Wetterkarten der ARD kursieren schon länger im Netz

Die beiden Wetterkarten der ARD wurden bereits im vergangenen Jahr im Sommer verbreitet. Unser Faktencheck kam damals zu dem Urteil, dass die Bilder nicht miteinander vergleichbar sind, weil die eine Karte einen Tag zeigt, und die andere eine Drei-Tage-Vorschau. Für diese wird offenbar von der ARD stets ein anderer Stil verwendet.

Uwe Kirsch vom Deutschen Wetterdienst schreibt uns per E-Mail ebenfalls, dass der irreführende Vergleich schon länger im Netz kursiere. „Das Problem […] ist, dass die Grafik von 2009 eine allgemeine Wettervorhersage darstellt mit gezielten Hinweisen auf Temperatur (Zahlen), grafischen Elementen wie Bewölkung, Blitze, Sonnenschein sowie dem Wetter der Folgetage.“ Die Grafik von 2019 beschäftige sich hingegen ausschließlich mit den Temperaturen des Tages, „und das wird, um ein Zahlenmeer auf einer Karte zu vermeiden, üblicherweise durch Farbverläufe als Untergrund dargestellt, manchmal mit Legende oder hier ergänzt durch ein paar Temperaturangaben für Regionen zur schnellen Orientierung.“

Vergleichskarten der ARD zeigen: Es gibt keine Manipulation

Für die Leiterin der ARD-Wetterredaktion, Silke Hansen, sind die Wetterkarten ebenfalls nichts Neues. Sie schreibt uns per E-Mail: „Das Wetter von 2009 sind die Aussichten (da gibt es keine Temperaturfarben).“ Die ARD sei ebenfalls nicht zum ersten Mal mit den beiden Wetterkarten konfrontiert worden. 

Hansen schickt uns zum Vergleich die gegengleichen Grafiken aus den Jahren 2009 (Tagesansicht) und 2019 (Drei-Tage-Vorschau). Die Tagesgrafik von 2009 zeigt die Temperaturen des 18. August 2009, und auch hier sind die Temperaturen um die 30 Grad in Rot dargestellt. Es gibt also keinen Unterschied zur Farbgebung im Jahr 2019. Und die Drei-Tage-Ansicht vom 3. Juni 2019 kam genau wie die 2009 ohne rote Farben aus.

Zum Vergleich hat uns die Leiterin der ARD-Wetterredaktion die gegengleichen Karten von 2009 und 2019 zur Verfügung gestellt (rechts). Wir haben diese den Karten aus dem Facebook-Post (links) gegenübergestellt. (Collage: CORRECTIV, Quelle: ARD-Wetterredaktion, Facebook)

Moderator des Weather Channel: Farben sollen Gefahr für die Menschen signalisieren

Die dritte Wetterkarte von 2020 stammt allerdings nicht von der ARD, sondern vom Weather Channel. Das Video, aus dem der Ausschnitt stammt, wurde am 17. Juni 2020 auf der Webseite online gestellt. Die Wetterkarten lassen sich also nicht miteinander vergleichen.

Screenshot aus dem Video des Weather Channel vom 17. Juni 2020. (Screenshot: CORRECTIV)

In der vergangenen Woche hat der Wetterexperte des Weather Channel, Jan Schenk, bei Facebook in einem Live-Video (ab Minute 36:00) erklärt, was es mit den dunkelroten Temperaturzahlen auf sich hat. „Die Sache ist doch die: Ist es nicht egal, welche Farbe es ist? Es kommt doch darauf an, gibt es Gefahren für die Menschen, ja oder nein. Und wenn ich sage, ab 30 Grad mit ‘ner gewissen Feuchtigkeit habe ich mäßige bis starke Schwüle, also eine starke Hitzebelastung.“ Diese Hitze sei vor allem für Menschen mit Kreislaufbeschwerden gefährlich. 

Im weiteren Verlauf des Videos erklärt er, dass die Farben als Warnung verstanden werden sollten, so wie auch vor Sturm oder Gewitter gewarnt werde. Im vergangenen Jahr musste die Farbskala tatsächlich erweitert werden, so Schenk. Denn Temperaturen um 42 Grad, wie sie im vergangenen Sommer im Emsland erreicht wurden, waren darin nicht vorgesehen. 

Im Jahr 2019 wurden Temperaturen um 40 Grad beim Weather Channel mit der Farbe Lila dargestellt. „Aber wie oft gibt es 30 Grad? Das ist jetzt auch nicht so oft, und da müssen wir sagen: Das ist jetzt eine Ausnahmesituation, und darauf hinzuweisen ist kein Fehler, das ist sogar unser Job“, sagt Schenk vom Weather Channel (im Facebook-Live-Video ab Minute 37:30). Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV hat der Burda-Verlag, zu dem der Weather Channel gehört, bis Veröffentlichung dieses Artikels nicht geantwortet.

Durchschnittliche Temperatur im Sommer ist seit 1881 um 1,5 Grad angestiegen

Die Behauptung aus dem Text der Facebook-Seite „Frieden rockt“, die Temperaturen im Sommer hätten sich seit Jahrzehnten nicht geändert, ist ebenfalls nicht richtig. Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst schreibt uns dazu: „Mit Blick auf die in Deutschland seit 1881 flächendeckend vorliegenden Temperaturmessungen läßt sich ausrechnen, dass die Mitteltemperatur der meteorologischen Sommer (Juni, Juli, August) hierzuland von 1881 bis 2019 um 1,5 Grad gestiegen ist.“ 

Welche Farben von welchen Redaktionen oder Wetterdiensten gewählt werden, sei international nicht festgelegt, schreibt uns Kirsche. „Es ist aber offensichtlich, dass sowohl Medien als auch der DWD Wärme rot darstellen und diese Farbe um so „dunkler“ wird, je ‘heißer’ das dargestellte Wetter sein soll. Wo die jeweilige Grafik-Abteilung da welchen Farbton wählt, differiert.“ 

Fazit: Die drei verwendeten Karten lassen sich nicht miteinander vergleichen, weil sie unterschiedliche Ansichten zeigen und zudem aus unterschiedlichen Medien stammen. In den vergangenen 138 Jahren sind die Mitteltemperaturen im Sommer zudem um 1,5 Grad gestiegen und es kam zu Hitzerekorden wie im Sommer 2019. Der Weather Channel musste seine Farbskala deswegen im vergangenen Jahr für die höheren Temperaturen erweitern.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keine Manipulation. Die Wetterkarten zeigen unterschiedliche Dinge und lassen sich nicht miteinander vergleichen.

Ursula von der Leyen
Mit diesem Foto wird auf Facebook behauptet, Ursula von der Leyen rufe dazu auf, für die Wirtschaft auf den Lohn zu verzichten. Das Bild entstand schon 2018 in Bremerhaven. (Foto: picture alliance/Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

von Bianca Hoffmann

Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, will angeblich, dass Arbeitnehmer aus Solidarität für die geschwächte Wirtschaft auf ihren Lohn verzichten. Das wird derzeit in einem Facebook-Beitrag behauptet. Die angebliche Quelle ist eine gefälschte Nachrichtenseite.

Auf Facebook kursiert ein Bild von Ursula von der Leyen mit der Behauptung, sie habe die europäischen Arbeitnehmer aufgerufen, auf den Lohn zu verzichten, um die durch die Corona-Krise geschwächte Wirtschaft zu unterstützen. Der Beitrag wirkt wie ein Screenshot von der Nachrichtenwebseite Focus Online. Darauf weisen das Logo sowie die Menüleiste hin. 

Dieses Bild wird derzeit bei Facebook verbreitet. Es enthält außerdem eine Beleidigung gegenüber Ursula von der Leyen, die wir abgeschnitten haben. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)
Dieses Bild wird derzeit bei Facebook verbreitet. Es enthält außerdem eine Beleidigung gegenüber Ursula von der Leyen, die wir abgeschnitten haben. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

Das Bild wurde am 20. Juni bei Facebook hochgeladen und schon mehr als 2.100 Mal geteilt. Offensichtlich gibt es aber verschiedene Versionen davon, denn auch die Faktenchecker der DPA (4. Juni) und von Mimikama (8. Mai) haben bereits berichtet. 

In dem kurzen Text, der in dem Beitrag zu lesen ist, heißt es: „Aufruf zum Verzicht. Die Präsidentin der EU, Ursula von der Leyen, ruft sämtliche Arbeitnehmer der EU zu einem teilweise Lohnverzicht auf, um die durch die Corona-Krise schwer angeschlagene Wirtschaft zu unterstützen. Sie sieht diese als Zeichen der Solidarität.“

Es handelt sich bei dem Facebook-Beitrag um eine Fälschung. Die Nachricht stammt weder von Focus Online, noch hat sich Ursula von der Leyen entsprechend geäußert. 

Ursula von der Leyen hat nie gesagt, dass Arbeitnehmer der EU auf ihren Lohn verzichten sollen

Zunächst ist Ursula von der Leyen nicht „die Präsidentin der EU“, sondern die Präsidentin der Europäischen Kommission. Die anderen Organe der EU, also der Rat und das Parlament, haben jeweils eigene Präsidenten. 

Das im Beitrag verwendete Bild von von der Leyen ist von 2018 und stammt ursprünglich aus der Bilddatenbank der DPA, Picture Alliance, von einem Fotografen namens Mohssen Assanimoghaddam. Es wurde als Symbolbild in verschiedenen Artikeln über die damalige Verteidigungsministerin genutzt. Auch Focus Online hat es bereits 2018 verwendet. 

Eine Google-Suche nach dem Text des Facebook-Beitrags, der angeblich von Focus Online stammen soll, führt aber zu keinem relevanten Ergebnis. 

Bei Focus Online erschien nie ein solcher Artikel

CORRECTIV hat bei Burda, dem Verlag von Focus Online, nachgefragt, ob ein Artikel über einen Aufruf von der Leyens zum Lohnverzicht dort jemals erschienen ist. Per E-Mail schrieb uns eine Sprecherin: „Die Prüfung in unserem Content Management System hat ergeben, dass ein Beitrag mit diesem Inhalt bei uns nie veröffentlicht wurde.“ Die Aufmachung des Beitrags entspreche zudem nicht dem Layout von Focus Online. Außerdem sei das Foto der EU-Kommissionspräsidentin augenscheinlich über ein anderes platziert worden, so die Pressesprecherin weiter. „Deshalb kann es sich aus unserer Sicht nur um eine Fälschung handeln.“

Screenshot der E-Mail der Pressesprecherin von Burda Forward, zu dem das Nachrichtenportal des Focus gehört. (Screenshot: CORRECTIV)
Screenshot der E-Mail der Pressesprecherin von Burda Forward, zu dem das Nachrichtenportal des Focus gehört. (Screenshot: CORRECTIV)

Tatsächlich ist am oberen Rand des Fotos in dem Facebook-Beitrag ein andersfarbiger Streifen zu sehen. 

Auf Anfrage von CORRECTIV teilt auch ein Sprecher der Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin per E-Mail mit, dass sich von der Leyen nicht zu einem Lohnverzicht geäußert habe. „Nein, ein solches Statement der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gibt es nicht.“

Fazit: Alles an dem Facebook-Beitrag ist falsch. Ursula von der Leyen hat nie gesagt, dass die Europäer auf ihren Lohn verzichten sollten, um die Wirtschaft in der Corona-Krise zu unterstützen. Der Text stammt außerdem nicht von Focus Online, sondern der angebliche Screenshot ist eine Fälschung.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Ursula von der Leyen hat die europäischen Arbeitnehmer nie zum Lohnverzicht aufgerufen.

191129_Gorilla_IM-7529
Ein Amateurspiel in Mönchengladbach, auch hier sind Schmerzmittel ein Thema. Foto: Ivo Mayr/ CORRECTIV
#Pillenkick

„Das Problem ist im Amateurfußball sogar noch größer als bei den Profis“

Zahlreiche Hobbyfußballer nehmen Schmerzmittel wie Ibuprofen missbräuchlich ein. Das haben die Ergebnisse unserer Umfrage zu Schmerzmitteln im Amateurfußball gezeigt. Neue Recherchen von Lokalzeitungen aus dem CORRECTIV-Partnernetzwerk decken auf, dass der #Pillenkick noch weiter verbreitet ist. „Das ist selbstverständlich geworden“, sagt ein Trainer.

weiterlesen 5 Minuten

von Bianca Hoffmann , Arne Steinberg , Jonathan Sachse

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Diese Geschichte ist Teil einer Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema Schmerzmittelmissbrauch im Fußball. Wir berichten in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

Schmerzmittel im Amateurfußball, das sei „leider definitiv ein Thema“, sagt Andreas Meise, ein erfahrener Trainer aus dem Ruhrgebiet im Interview mit dem Sportteil der WAZ aus Herne. Ein paar Kilometer weiter in Wattenscheid kommt Bruno Staudt, Spieler bei der SG Wattenscheid 09 zu einem ähnlichen Ergebnis:  „Es gibt in jeder Mannschaft mindestens einen, der regelmäßig Schmerzmittel dabei hat. Es gibt auch Situationen, in denen die Tabletten in der Kabine rumgehen.” Die Zahlen, die CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion im Rahmen der Schmerzmittelumfrage erhoben hatten, seien „absolut realistisch“. 

1142 Fußballerinnen und Fußballer hatten sich an einer CrowdNewsroom-Befragung von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion beteiligt, fast 80 Prozent gaben an, im Verlauf der Karriere Schmerzmittel geschluckt zu haben. Mehr als ein Drittel sogar mehrmals pro Saison. Mehr als 40 Prozent der Antworten bezogen sich auch darauf, dass die Spieler nicht nur Schmerzen lindern wollen – eine höhere Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit waren auch Ziele, die die Spieler sich von der Schmerzmitteleinnahme versprachen.

Auch die WAZ in Gelsenkirchen berichtete über unsere Recherche. Ayhan Karaca betreut als Physiotherapeut viele Amateurkicker der Region. Er ist sich sicher: „Das Problem ist im Amateurfußball sogar noch größer als bei den Profis. Viele Amateurfußballer haben keine Geduld und brennen darauf, spielen zu können.” Der frühere Amateurtrainer Oliver Röder sagt in der WAZ aus Mülheim: „Das ist selbstverständlich geworden und geht von der Kreis- bis in die Oberliga.” 

Lokalzeitungen berichten zum #Pillenkick

Die Zitate stammen aus den regionalen Sportteilen der WAZ, die im Rahmen der #Pillenkick-Recherche den Schmerzmittelmissbrauch in ihrer Region untersuchten. Dafür hat CORRECTIV.Lokal, das Netzwerk für investigative lokale Recherchen, vor zwei Wochen Zeitungen in ganz Deutschland kontaktiert und die lokalen Kolleginnen und Kollegen mit Recherchematerial unterstützt. Neben der WAZ griffen so allein in den ersten zwei Tagen nach der Veröffentlichung 20 Lokalzeitungen aus ganz Deutschland das Thema auf.

Vor Ort sprachen die Kollegen mit Trainern, Spielern und Physiotherapeuten über das Ausmaß des Problems. So wurden die Ergebnisse unserer nicht-repräsentativen Umfrage (Alle Ergebnisse als PDF-Download) mit konkreten Erfahrungsberichten ergänzt. Und diese Fälle verdeutlichen, welche Konsequenzen Schmerzmittelmissbrauch haben kann.

Ein Spieler, der sich offen zu seinem Tablettenkonsum äußert, ist Fabian Rose. Der 27-Jährige spielte bis vor kurzem bei TuS Strudden in Ostfriesland. Nun aber, so der Anzeiger für Harlingerland, müsse er seine Karriere beenden – der Grund: ein Knorpelschaden vierten Grades. „Statt auf die Warnsignale seines Körpers zu hören, warf Rose regelmäßig Ibuprofen-Tabletten ein, um seinen persönlichen Ansprüchen gerecht zu werden”, heißt es im Text. 

Rose selbst sagt: „Hätte ich das früher behandeln lassen, statt weiter zu spielen, hätte ich vermutlich jetzt auch nicht aufhören müssen. Dies hat mir der Arzt so auch bestätigt. So aber hat sich das Fußballspielen für mich auf jeden Fall erledigt.”

Für Gerrit Schökel aus Sande an der Nordseeküste, ebenfalls nur wenige Kilometer von Wilhelmshaven entfernt, gehörte der Griff zur Tablettenpackung lange zum Alltag – bis er nach einem Spiel Blut spuckte. „Ich habe zu jedem Training Schmerzmittel genommen”, sagte Schökel dem Jeverschen Wochenblatt. Eine Pause im Amateurfußball kam für ihn dabei offenbar nicht in Frage. „Ich habe mir sonntags einen Bänderriss zugezogen und stand am Dienstag wieder auf dem Platz. Einfach Tape drum, Schmerztablette rein und los ging’s.” 

Unterschätzte Gesundheitsrisiken

Jeder fünfte Amateurfußballer gab in unserer Umfrage an, er greife einmal pro Monat oder öfter zu Schmerzmitteln. Zahlreiche Spieler nehmen vor jedem Spiel oder sogar mehrmals pro Woche Schmerzmittel. Und manche Amateurfußball meldeten, sie würden vor jedem Training Schmerzmittel schlucken. 

Schökel ging sogar noch weiter: „Vor den Punktspielen gab es eine 400er, in der Pause noch eine und wenn es schlecht lief, in den letzten zwanzig Minuten noch eine.” Von Nebenwirkungen sei der 33-Jährige nicht verschont geblieben. „Ich erinnere mich an eine Situation, da lief mir in der Halbzeit die Suppe von der Stirn runter und ich habe nur gefragt, auf welches Tor wir denn jetzt spielen würden. Ich war weggetreten.”

„Verletzungsbedingte oder erwartete Schmerzen mit Schmerzmitteln zu reduzieren oder gar zu unterdrücken, kann zu ernsthaften funktionellen und strukturellen Schädigungen am Bewegungssystem führen, denn das ‘Warnsignal’ Schmerz ist ausgeschaltet”, warnt Frank Stockey, Physiotherapeut aus Herne, im Gespräch mit der WAZ.

Jörg Wertenbruch, Orthopäde und Unfallchirurg aus Wanne-Eickel, empfiehlt den Fußballern: „Jede Verletzung sollte komplett ausgeheilt werden. Erst dann kann die Belastung wieder langsam hochgefahren werden.” Ansonsten drohten „Muskelfaserrisse, Bänder- und Gelenkverletzungen.”

Doch bei einigen Fußballern verhallen die Appelle. „Manchmal habe ich die Tabletten auch einfach nur vorbeugend eingenommen. Man fühlt sich dann vom Kopf her sicherer”, beschreibt Sven Riekert im Reutlinger General-Anzeiger seine Motivation. Teilweise habe er zwei Ibuprofen 600 genommen, sogar vor der Arbeit. Einige Spieler, mit denen die Kooperationspartner von CORRECTIV sprechen konnten, sprachen von einem Gewöhnungseffekt, der eintreten würde, sobald sie regelmäßig auf Schmerzmittel zurückgriffen. „Es ist fast so, als ob ich einen Schluck Wasser trinke”, sagte einer von ihnen der WAZ-Lokalausgabe Herne Wanne-Eickel.

Ein anderer Spieler erklärte der Volksstimme: „Ich bin ehrgeizig, will immer einhundert Prozent Vollgas geben und mich von den jungschen Leuten auch nicht abkochen lassen.” Die Folge: Dreimal pro Woche nehme er Schmerzmittel, um Fußball spielen zu können. Auch für ihn sei es „Kopfsache“, denn er nehme die Schmerzmittel „vorsichtshalber“. Marc Mensing aus Gelsenkirchen, ein Spieler mit Arthrose, sagte der WAZ, dass er „vor dem Spiel immer eine Schmerztablette nehmen” musste. Sonst hätte er die 90 Minuten nicht überstanden. 

Trainer äußern sich

Eine weitere Stärke der Recherchen der Kollegen vor Ort: Bei ihnen kamen auch Trainer zu Wort, die sich zumindestens im den oberen Ligen kaum zum Thema äußern. Sie schilderten Gründe, warum Spieler auf Schmerzmittel zurückgreifen und wie sie als Trainer damit umgehen. „Ich versuche, es langfristig zu sehen und Spielern lieber eine Pause zu gönnen”, sagt Ingo Freitag aus Bochum-Ehrenfeld gegenüber der WAZ. Aber: „Wenn es ein wichtiger Mann ist und dazu das Ende der Saison naht, dann wollen in den meisten Fällen sowohl Spieler als auch Trainer alles möglich machen, damit der Spieler auflaufen kann.”

Auch Andreas Meise bringt das Dilemma gegenüber der WAZ auf den Punkt: „Zum einen sind viele Tabletten zugelassen, zum anderen werden sie zu Hause oder heimlich eingeworfen. Mir sagt der Spieler, er sei fit. Dass er nur dank Tabletten 90 Minuten durchhält, kann ich doch nicht ahnen.” Meise betont die Fürsorgepflicht, die die Trainer gegenüber den Spielern hätten – verbieten aber könne er es nicht, die Spieler seien schließlich erwachsen.

Wir würden uns freuen, wenn Sie unter dem Hashtag #Pillenkick in den Sozialen Medien ihre Erlebnisse mit Schmerzmitteln teilen. Weitere Artikel und Informationen zur Recherche finden Sie auf unserer Übersichtsseite pillenkick.de und in unserem Newsletter. Sie haben Hinweise? Dann melden Sie sich bei unseren Reportern Jonathan Sachse oder Arne Steinberg.

syringe-and-pills-on-blue-background-3786156
Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Tod von 13 Menschen aus Italien und der Grippeschutz-Impfung. (Symbolbild: Anna Shvets/Pexels.com)

von Bianca Hoffmann

In einem Artikel von Zentrum der Gesundheit wird behauptet, in Italien seien 13 Personen in Folge einer Grippeschutz-Impfung gestorben. Der Fall ist von 2014, die zuständigen Behörden sehen keinen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und der Impfung.

„Über zehn Menschen starben in Italien unmittelbar nach der Grippeschutz-Impfung“, heißt es in einem Artikel von Zentrum der Gesundheit. Der Artikel ist schon mehrere Jahre alt, wurde aber laut der Zeitangabe der Webseite am 11. März 2020 aktualisiert. Dem Text zufolge hat der Impfstoff „Fluad“ des Pharmakonzerns Novartis 2014 angeblich dazu geführt, dass insgesamt 13 Todesfälle in „unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit der Grippeschutzimpfung“ stehen. 

Nach Angaben des Analysetools Crowdtangle wurde der Artikel schon mehr als 8.600 Mal auf Facebook geteilt. Seit Februar wird er wieder verstärkt verbreitet, nachdem er unter anderem in der Gruppe „Qanon deutsch Blumenberger“ geteilt wurde. 

Unsere Recherche zeigt: Die Todesfälle gab es tatsächlich, zuständige Behörden haben aber einen Zusammenhang zur Grippeschutzimpfung ausgeschlossen. 

Zwei Chargen des Grippe-Impfstoffes wurden vorsichtshalber zurückgerufen

Der Inhalt bezieht sich auf Vorfälle im Jahr 2014. Verschiedene Fachmedien wie das Ärzteblatt und die Pharmazeutische Zeitung berichteten, es habe insgesamt 13 Todesfälle in Italien gegeben, die mutmaßlich in zeitlichem Zusammenhang mit Grippe-Impfungen mit dem Impfstoff Fluad stehen würden. Es handele sich vor allem um ältere Menschen. 

Als Vorsichtsmaßnahme hat die italienische Arzneimittelbehörde (AIFA) zwei Chargen des Impfstoffes am 27. November 2014 zurückgerufen. Am 29. November berichtete die Behörde von 12 Todesfällen und einem weiteren per E-Mail gemeldeten Fall, der noch nicht überprüft worden sei. 

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) untersuchte den Impfstoff und gab am 3. Dezember 2014 in einer Pressemitteilung Entwarnung: „Es gibt keine Beweise dafür, dass Fluad, ein von Novartis hergestellter Grippe-Impfstoff, schwerwiegende Ereignisse einschließlich Todesfälle in Italien verursacht hat.“ Auch die AIFA teilte am 23. Dezember mit, die Sperre für den Impfstoff sei wieder aufgehoben, alle Tests hätten seine Sicherheit bestätigt.

Die gestorbenen Patienten hatten laut EMA aufgrund ihres hohen Alters diverse Vorerkrankungen, sodass es keine Beweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Tod gebe. Acht der Verstorbenen seien nach Angaben der AIFA älter als 80 Jahre gewesen, acht von den 13 Patienten starben aus kardiovaskulären Gründen, also wegen Herz-Kreislauf-Problemen.  

Keine Hinweise auf Verunreinigung von Impfstoffen

Das wird auch in dem Artikel von Zentrum der Gesundheit erwähnt, aber in einen anderen Kontext gesetzt. Dort wird gemutmaßt, die „Lobby der Pharmakonzerne“ würde mögliche Qualitätsprobleme mit den betroffenen Chargen verbergen. In diesem Zusammenhang wird auf die angebliche Gefahr von Quecksilber in Impfstoffen hingewiesen. 

Der Grippe-Impfstoff Fluad ist auch in Deutschland zugelassen. Inzwischen hat ein Hersteller namens Seqirus das Geschäft mit den Grippe-Impfstoffen von Novartis übernommen. Derselbe Impfstoff, der in Italien 2014 verwendet wurde, kam auch in Deutschland zum Einsatz. „Die jährliche Stammanpassung bezieht sich auf die sich verändernde Antigenzusammensetzung, die sonstige Zusammensetzung bleibt unverändert“, schreibt Corinna Volz-Zang vom Paul-Ehrlich-Institut per E-Mail an CORRECTIV. 

In den Inhaltsstoffen zur momentanen Zusammensetzung der Stammwirkstoffe, die durch die WHO jedes Jahr neu festgelegt wird, findet sich kein Hinweis auf die Quecksilberverbindung Thiomersal, die früher zur Konservierung von Impfstoffen verwendet wurde. Das wird auch noch einmal von Volz-Zang vom PEI bestätigt: „Wie Sie der Auflistung entnehmen können, ist in Fluad kein Thiomersal enthalten.“ 

Zu diesem Thema haben wir bereits im Oktober 2019 einen Faktencheck veröffentlicht – normale Grippe-Impfstoffe enthalten kein Quecksilber. 

Artikel zu Grippe-Impfung erstmals 2015 gesichert

Eine Suche nach dem Artikel von Zentrum der Gesundheit im Internet Archive zeigt, der Artikel wurde am 8. Januar 2015 zuerst gesichert. Das bedeutet, er ist mindestens fünf Jahre alt, nur das Datum wird offenbar regelmäßig aktualisiert. Der Inhalt wurde jedoch nie angepasst, obwohl bereits Ende 2014 offiziell bekannt gegeben wurde, dass der Impfstoff sicher sei. 

Eine Version des Artikels mit der Zeitangabe 3. August 2016. (Screenshot: CORRECTIV)
Eine Version des Artikels mit der Zeitangabe 3. August 2016. (Screenshot: CORRECTIV)

Durch die Untersuchung der Impfstoff-Chargen durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) und die italienische Arzneimittelbehörde (AIFA) kann eine Verunreinigung ausgeschlossen werden. Bei acht der 13 Verstorbenen waren die Todesursache ein Herz-Kreislauf-Probleme. Ob diese durch eine Vorerkrankung oder die Grippeschutz-Impfung hervorgerufen wurden, ist nicht untersucht worden.

Die Untersuchungen der europäischen und italienischen Arzneimittelbehörden liefern keine Hinweise darauf, dass die 13 gemeldeten Todesfälle in 2014 durch eine Grippeschutz-Impfung mit Fluad zurückzuführen sind.  

Unsere Bewertung:
Es gibt keine Belege, dass 2014 13 Menschen in Italien durch die Grippeschutz-Impfung verstorben sind.

vera-davidova-cuzH5S-8ZOQ-unsplash
Auf Facebook werden irreführende Behauptungen zur angeblichen Gesundheitsgefahr von Masken verbreitet. (Symbolbild: Unsplash / Vera Davidova)

von Lea Weinmann , Bianca Hoffmann

Seit Wochen wird im Netz behauptet, dass das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen gesundheitsschädlich sei. Auf Facebook kursiert nun ein Beitrag, in dem es heißt: Masken schwächten das Immunsystem und förderten Atemwegserkrankungen. Die Behauptungen sind teils falsch, teils unbelegt.

In einem Beitrag auf Facebook vom 12. Mai wird behauptet, Masken würden krank machen und unser Immunsystem schwächen. Bisher wurde der Beitrag etwa 4.500 Mal auf Facebook geteilt. Die Behauptungen darin sind irreführend

Der Facebook-Beitrag zeigt ein Bild, in dem steht: „Bakterien, Viren sowie Keime aus der Mundhöhle gelangen durch die Maske in die Lunge und sorgen für Atemwegserkrankungen.“

Screenshot des Beitrags, der am 12. Mai auf Facebook geteilt wurde. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)
Screenshot des Beitrags, der am 12. Mai auf Facebook geteilt wurde. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

In dem Text, den der Nutzer dazu geschrieben hat, wird der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Bodo Schiffmann zitiert. Er habe angeblich über die Masken gesagt, dass sie krank machen würden, weil durch sie verhindert werde, dass Viren, Pilze und Bakterien in den Körper eindringen. Das habe zur Folge, dass das Immunsystem geschwächt werde. 

Die Aussage aus dem geteilten Bild und der dazugehörige Text widersprechen sich, sind aber auch für sich genommen falsch und unbelegt. 

Erste Behauptung: Bakterien, Viren und Keime aus der Mundhöhle gelangen durch die Mund-Nasen-Bedeckung in die Lunge und sorgen für Atemwegserkrankungen

„Hierfür gibt es keine Hinweise“, schreibt Dominic Dellweg, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), auf unsere Anfrage per E-Mail. Normalerweise atme der Mensch durch die Nase ein – wegen der Filterfunktion der Nase und aus Gründen der Atemgaserwärmung und Anfeuchtung. „Eine Maske wird nicht dazu führen, dass Erreger, die bereits in Mund oder Nasenhöhle sind, in die Lunge getragen werden“, schreibt Dellweg.

Es ist allerdings richtig, dass sich durch das Tragen an der Mund-Nasen-Bedeckung Bakterien bilden können. Marieke Degen, Pressesprecherin des Robert Koch-Institutes schrieb in einer E-Mail an CORRECTIV, dass es zu einer Kontamination der Maske mit der Mund-Rachen-Flora kommen könne. „Systemische und vergleichbare Studien gibt es hierzu bislang aber nicht.“

Es ist also möglich, dass sich durch die angesammelte Feuchtigkeit in der Maske Keime vermehren können, allerdings nicht in der Lunge, sondern an der Maske und im Mund-Rachen-Raum. 

Ob das dauerhafte Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung das Risiko für Atemwegserkrankungen erhöhen könnte, wurde in einer Studie von 2015 untersucht. Darin ging es eigentlich um die Effizienz von Stoffmasken. Mitarbeiter vietnamesischer Krankenhäuser sollten für die Studie während ihrer gesamten Schicht einen Mundschutz tragen. Eine Gruppe nutzte einen medizinischen Mundschutz, die andere Gruppe einen Stoffmundschutz. Einer Kontrollgruppe wurde freigestellt, ob sie einen Mundschutz tragen wollte – mit dem Resultat, dass sie die Maske weniger lange trugen und außerdem häufiger zu dem medizinischen Mundschutz griffen (PDF, Seite 6). 

Das Ziel der Studie war es, zu vergleichen, ob die zwei Maskenarten gleich effektiv sind. Das Ergebnis nach vier Wochen: Die Rate von Atemwegserkrankungen und grippeähnlichen Erkrankungen war in der Gruppe mit Stoffmasken am höchsten (PDF, Seite 1).

In der Diskussion zur Studie heißt es: „Die physikalischen Eigenschaften einer Stoffmaske, die Wiederverwendung, die Häufigkeit und Wirksamkeit der Reinigung sowie die erhöhte Feuchtigkeitsspeicherung können möglicherweise das Infektionsrisiko für HCWs [Anm. d. R.: Health Care Workers] erhöhen“ (PDF, Seite 6).

In dem Text in dem auf Facebook geteilten Bild wird jedoch nicht erklärt, um welche Art von Maske es geht. Die Studie aus Vietnam bezieht sich zudem auf den speziellen Fall, dass eine Stoffmaske stundenlang bei der Arbeit im Krankenhaus getragen wird.

Fazit: Die Behauptung ist unbelegt.

Zweite Behauptung: Mund-Nasen-Bedeckung „tötet“ das Immunsystem, weil sie verhindert, dass Viren, Bakterien und Keime in den Körper gelangen 

In dem Text zum Bild auf Facebook wird behauptet, man „töte“ mit den Masken das eigene Immunsystem, weil dadurch der „Zugang“ zu Viren, Pilzen und Bakterien geschwächt sei. Das steht komplett im Widerspruch zur ersten Behauptung und ist zudem nicht korrekt. 

„Durch die Mund-Nasenmaske werden Erreger abgefiltert und erreichen so nicht mehr die oberen und unteren Atemwege“, schreibt Dominic Dellweg von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin per E-Mail. Ein Erreger, der nicht in das Körperinnere eindringe, werde auch keine Immunantwort hervorrufen. 

Jedoch: „Eine Schwächung der Immunantwort in dem Sinne, dass das Immunsystem auf ein Antigen schwächer reagiert, ist nicht zu erwarten.“

Fazit: Die Behauptung, dass das Immunsystem geschwächt werde, ist falsch. 

Rund um das Thema Masken verbreiten sich in der Corona-Krise zahlreiche irreführende oder falsche Behauptungen, zu denen wir bereits Faktenchecks veröffentlicht haben. Beispielsweise haben wir die falschen Behauptungen geprüft, unter Masken sammele sich gesundheitsschädliches CO2 oder Masken seien gefährlich für Kinder. Die Behauptungen, dass Masken die Sauerstoffversorgung verschlechtern und Lungenkrankheiten fördern, kursierten kürzlich zudem auch in Form eines Flyers auf Facebook und Whatsapp. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Tragen einer Maske schwächt das Immunsystem nicht. Unklar ist, ob Stoffmasken das Risiko, krank zu werden, erhöhen können.

coronavirus-statistics-on-screen-3970330
Symbolbild: Statistiken zu Corona-Zahlen. (Quelle: Pexels/Markus Spiske)

von Steffen Kutzner , Bianca Hoffmann

Auf Whatsapp wird ein Kettenbrief geteilt, in dem suggeriert wird, die chinesische Wirtschaft profitiere vom neuartigen Coronavirus. Viele der Behauptungen, mit denen das belegt werden soll, sind falsch oder ohne Belege.

Leser haben uns viele Anfragen zum Wahrheitsgehalt eines Kettenbriefes geschickt, der offenbar vor allem auf Whatsapp geteilt wird. In dem Text gibt es zahlreiche Behauptungen, die suggerieren, China profitiere wirtschaftlich vom Ausbruch des Coronavirus, sei aber selbst kaum betroffen – weder vom Virus noch von den wirtschaftlichen Folgen.

Der auf Whatsapp geteilte Kettenbrief. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

In der Whatsapp-Nachricht werden mehrere Behauptungen aufgestellt. Wir haben die wesentlichen geprüft.

1. Behauptung: Das Coronavirus sei nie in Peking, Shanghai oder anderen wichtigen Städten Chinas angekommen

Das Coronavirus wurde nach Angaben der chinesischen Behörden auch in großen Städten Chinas nachgewiesen, darunter Peking, Shanghai und Hongkong. Die Infektionszahlen sind jedoch sehr klein im Vergleich zur Provinz Hubei. Dort liegt auch Wuhan, wo das Virus vermutlich seinen Ursprung hatte.

Fallzahlen der chinesischen Behörden für Provinzen und Städte vom 13. Mai 2020. (Quelle: DXY, Screenshot: CORRECTIV)

Mit Stand vom 13. Mai meldete China 1.050 Fälle in Hongkong, 660 in Shanghai, 593 in Peking und 68.134 für die Provinz Hubei. Diese Angaben sind auf der Webseite von DXY gelistet, einer chinesischen Plattform, die ihre Daten laut eigener Aussage von den nationalen Gesundheitsbehörden bezieht.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt auf ihrer Webseite für Peking (in den Daten unter dem englischen Namen Beijing) am 28. Februar 410 Fälle an, am 6. März 422 und am 15. März 442. Shanghai meldete laut WHO am 28. Februar 337 Fälle, am 6. März 339 und am 15. März 353.

Auszug aus der Übersicht der WHO zu den SARS-CoV-2-Zahlen in den chinesischen Provinzen vom 15. März. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

Die Johns-Hopkins-Universität zählt am 14. Mai 2020 für Hongkong 1.050 kumulierte Fälle, für Peking 593, für Shanghai 660 und für die Provinz Hubei 68.134 – die Universität stützt sich also auf die von China offiziell gemeldeten Zahlen.

Deren Verlässlichkeit wurde in der Vergangenheit jedoch angezweifelt, Ende März gab es unter anderem von der Tagesschau, der Süddeutschen und der Deutschen Welle kritische Berichte.

Fallzahlen der Johns-Hopkins-Universität vom 14. Mai 2020 für die Städte Hongkong, Shanghai, Peking und die Provinz Hubei. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptung ist falsch. Das Coronavirus ist auch in anderen Städten Chinas angekommen, auch wenn die Infektionszahlen gemäß der offiziellen Angaben deutlich niedriger sind als in Wuhan.

2. Behauptung: Wuhan sei „plötzlich“ frei von Covid-19

Es gab nach Angaben der chinesischen Behörden zwischen dem 3. April und dem 8. Mai keine neuen Infektionsfälle mehr in Wuhan. Die Zahl der akut Infizierten ist rückläufig: Am 1. April hatte es laut der Webseite der chinesischen Gesundheitskommission in Wuhan noch 1.128 Infektionen gegeben. Am 16. April waren es nur noch 129 und am 23. April 47

Am 17. April hatte Wuhan jedoch die Fallzahlen nach oben korrigiert: Die kumulativen Fälle wurden um 325 auf 50.333 Fälle erhöht und die Todesfälle um 1.290 auf 3.869 Fälle. Am 9. Mai meldeten die chinesischen Behörden einen neuen Fall und am 10. Mai fünf neue Fälle in der Region Hubei, seitdem keine mehr (Stand: 13. Mai). Ob diese Fälle in der in Hubei gelegenen Stadt Wuhan auftraten, geht aus den Pressemeldungen nicht hervor. 

 

Die WHO nennt in ihren täglichen Berichten keine Zahlen für Wuhan oder Hubei, sondern nur für ganz China. Am 13. Mai 2020 gab es sieben Neuinfizierte, womit sich die Zahl auf bisher insgesamt 84.458 Fälle erhöht hat. Laut den chinesischen Gesundheitsbehörden galten am 13. Mai 79.635 Fälle davon in China als geheilt. 

Fazit: Dass Wuhan „plötzlich“ frei vom Coronavirus gewesen wäre, ist den veröffentlichten Zahlen zufolge irreführend. Richtig ist aber, dass die Fallzahlen stark zurückgegangen sind und es seit Anfang April nach offiziellen Angaben nur einzelne Neuinfektionen gab.

3. Behauptung: Die chinesischen Aktienmärkte seien im Gegensatz zu den europäischen und amerikanischen Märkten nicht zusammengebrochen

Malte Rieth, wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Abteilungen Makroökonomie und Konjunkturpolitik des Deutschen Instituts für Wirtschaft in Berlin, antwortete auf eine Presseanfrage von CORRECTIV, der chinesische Markt habe zwischen Januar und März 2020 „über 30 Prozent an Wert“ verloren. Aktuell betrage der Verlust gegenüber Januar noch „etwa 10 Prozent“. Die europäischen und amerikanischen Märkte seien zwischen Januar und März ebenfalls um „etwa 35 Prozent“ eingebrochen. Aktuell betrügen die Verluste im Vergleich zu Januar noch „etwa 20 Prozent“.

Auszug aus der E-Mail des Deutschen Instituts für Wirtschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptung ist falsch. Die chinesischen Märkte sind ebenfalls eingebrochen.

4. Behauptung: China habe ein Virus geschaffen, gegen das schon vorher ein Mittel existierte 

Nach Einschätzungen der WHO, des Robert-Koch-Instituts (RKI) sowie einem Statement von mehr als 25 Forschern im Journal The Lancet gibt es keine Hinweise, dass das Coronavirus künstlich erzeugt sein könnte. „Wissenschaftler aus mehreren Ländern haben Genome des SARS-CoV-2 Erregers veröffentlicht und analysiert, und sie kommen mit überwältigender Mehrheit zu dem Schluss, dass dieses Coronavirus von Wildtieren stammt“, schreiben die Wissenschaftler in The Lancet. Autoren einer neueren Studie im wissenschaftlichen Journal Nature kommen nach einer genetischen Analyse des Coronavirus ebenfalls zu dem Schluss: „SARS-CoV-2 ist kein Labor-Konstrukt oder absichtlich manipuliertes Virus.“

Ein „starker Beleg“ dafür sei, dass die Interaktion des Virus mit den menschlichen ACE2-Rezeptoren „nicht ideal“ sei. Dies deute darauf hin, dass es durch „natürliche Auslese“, also Evolution zustande kam. Wir haben die Behauptung, das Virus sei absichtlich manipuliert worden, bereits in unserem Faktencheck zu den 15 häufigsten Gerüchten über das Coronavirus aufgegriffen.

Es gibt bisher laut RKI weder einen Impfstoff noch ein Heilmittel gegen Covid-19: „Eine spezifische, das heißt gegen das neuartige Coronavirus selbst gerichtete Therapie steht derzeit noch nicht zur Verfügung.“ 

Das RKI informiert auf seiner Webseite, aktuell stehe kein Impfstoff gegen Covid-19 zur Verfügung. (Quelle: RKI, Screenshot: CORRECTIV)
Auch spezifische Therapien gegen das neuartige Coronavirus gibt es laut RKI derzeit noch nicht. (Quelle: RKI, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Gegen das Coronavirus gibt es bisher keinen Impfstoff und auch kein Heilmittel. Zudem gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass das Virus künstlich „geschaffen“ worden sein könnte. 

5. Behauptung: In dutzenden Ländern würden Fabriken und Produktionslinien stillstehen

Dass in vielen Ländern einzelne Produktionsbereiche teilweise zurückgefahren wurden, ist richtig. So wurde in Deutschland zum Beispiel bei VW die Produktion in mehreren Werken pausiert. Auch BMW hatte am 18. März verkündet, alle europäischen Automobilwerke und ein Werk in Südafrika vorübergehend zu schließen. (ab Minute 4:46) Laut dem Statistikamt der EU, Eurostat, hatte die Corona-Pandemie zumindest bis März jedoch keinen starken Einfluss auf die Industrieproduktion Europas insgesamt. Aktuellere Daten liegen noch nicht vor. 

Veranschaulichung der Industrieproduktion in der EU von April 2019 bis März 2020. (Quelle: Eurostat, Screenshot: CORRECTIV)

Das chinesische Amt für Statistik meldete einen Produktionsrückgang in der Industrie von 13,5 Prozent in den ersten beiden Monaten des Jahres 2020 im Vergleich zum Vorjahr. Im März erholte sich die Produktion jedoch und der Rückgang betrug noch 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Fazit: Die Aussage ist richtig. In vielen Ländern der Welt stehen oder standen Teile der Industrieproduktion still.

6. Behauptung: Russland und Nordkorea seien „fast völlig frei“ von Covid-19

Diese Aussage ist für Russland falsch und für Nordkorea unbelegt. Die WHO hat zum 13. Mai 242.271 Fälle des Coronavirus in Russland registriert. 

Ausschnitt aus der interaktiven Karte zum Coronavirus der WHO. Für Russland sind mit Stand 13. Mai 2020 242.271 Fälle angegeben. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Über Nordkorea liegen der WHO keine Fallzahlen vor. Auf der Webseite des Auswärtigen Amtes heißt es dazu: „Aussagen darüber, ob es in Nordkorea zu Infektionen gekommen ist, sind nicht möglich. Es muss davon ausgegangen werden, dass das örtliche Gesundheitssystem nicht über die Möglichkeiten zu Diagnose und Behandlung einer akuten COVID-19-Erkrankung verfügt.“ 

Fazit: Die Aussage ist für Russland falsch und für Nordkorea unbelegt. Russland hat 242.271 Fälle gemeldet. Offizielle Zahlen für Nordkorea gibt es nicht.

7. Behauptung: China habe geschafft, den Ölpreis zu senken

Es ist richtig, dass der Ölpreis unter anderem in Folge der Coronakrise sank, die nach bisherigen Erkenntnissen in China ihren Ausgang nahm. Die Gemeinschaft ölexportierender Staaten (OPEC), der China nicht angehört, beschloss am 12. April 2020 via Videokonferenz eine Senkung der Fördermenge, um den Markt stabil zu halten. Die Coronakrise betrifft jedoch China insgesamt ebenfalls (wie wir bei der dritten Behauptung bereits dargelegt haben), weshalb die Aussage, dahinter stecke ein Interesse, den Ölpreis zu senken, reine Spekulation ist. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Gesamtfazit: Abgesehen von der Behauptung, dass die Industrieproduktion in vielen Ländern zurückgefahren wurde, sind alle geprüften Behauptungen entweder falsch oder unbelegt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Von den sieben Behauptungen, die wir geprüft haben, sind sechs überwiegend falsch oder unbelegt.

Bodo Schiffmann und Widerstand2020
Der Arzt Bodo Schiffmann ist einer der Gründer der neuen Partei „Widerstand2020“. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Der Arzt Bodo Schiffmann sieht sich an der Speerspitze einer Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen. In einer Hinsicht hebt er sich von den anderen „Gegenexperten“ ab: Es drängt ihn in die Politik. Dafür gründet er eine Partei: „Widerstand2020“. Wer ist dieser Mann?

Auf dem Youtube-Kanal „Schwindelambulanz Sinsheim“ mit inzwischen etwa 133.000 Abonnenten berichtet der Arzt Bodo Schiffmann täglich über angebliche Fakten zum Coronavirus SARS-CoV-2. Das ist gefährlich, wie eine Analyse seiner Videos und der Kommentare seiner Follower zeigt: Er bietet seinen Zuschauern dadurch eine Projektionsfläche für deren Unmut und das fehlende Vertrauen in die demokratischen Institutionen. 

In Interviews vergleicht Schiffmann unter anderem die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie mit dem Ermächtigungsgesetz, das Adolf Hitler 1933 in die Diktatur gehoben hat. Wie kam es zu all dem?

Bodo Schiffmann ist Inhaber einer, wie er sagt, gut laufenden Spezialambulanz im badischen Sinsheim. Hier empfängt er Patienten, die an Schwindel- oder Gleichgewichtserkrankungen leiden. Und sie scheinen den Arzt gern aufzusuchen. Die Durchschnittsbewertung liegt auf dem Portal Jameda (nach Schulnoten) bei 1,2. Und auch die Bewertungen bei Google zeichnen ein ähnliches Bild. Auf der Homepage von Schiffmann gibt es zudem das Gütesiegel „Top Mediziner“ der Verbraucherzeitschrift Guter Rat

Bodo Schiffmann in einem seiner Videos. (Quelle: Youtube/Schwindelambulanz Sinsheim, Screenshot: CORRECTIV)

Über SARS-CoV-2 weiß er zu Beginn der Pandemie allerdings genauso viel wie wir alle, die keine Virologen sind; nämlich wenig. In seinen mittlerweile täglich erscheinenden Videos über das Coronavirus vermittelt er aber einen ganz anderen Eindruck. Schiffmann inszeniert sich als „Gegenexperte“ mit einer klaren Botschaft an Christian Drosten, das Robert-Koch-Institut und die Bundesregierung: Es gebe keinen wissenschaftlichen Halt mehr für die Maßnahmen.

In einigen Städten, darunter Stuttgart und Berlin gehen deswegen derzeit Menschen auf die Straße, um gegen die Maßnahmen der Regierung gegen das Coronavirus zu protestieren. Bei den sogenannten Hygienedemos kommen besorgte Bürger, Hippies, Esoteriker, Linke, Rechte, Mediziner jeden Samstag zusammen. Beeinflusst werden die Proteste von einigen wenigen. Einer davon ist Bodo Schiffmann.

Damit seine Inhalte ein größeres Publikum erreichen, hat er sich mit bekannten Gesichtern der alternativen Medienszene zusammengetan. Ob diese rechts, links oder islamkritisch sind? Im Gespräch mit CORRECTIV macht Schiffmann klar, dass es ihm mittlerweile egal ist, wo man ihn hinstecken will.

Erstes Video sollte Mitarbeitern und Patienten gegen die Angst helfen

Vor sechs Wochen fängt alles recht harmlos an. „Ein objektiver Blick auf Corona – mal ohne Panik“ – das ist der Titel des ersten Videos zu SARS-CoV-2, das der HNO-Arzt auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht. Patienten und Mitarbeiter hätten ihn zum neuartigen Coronavirus befragt, erklärt er. Jetzt wolle er helfen. 

In dem Video vom 14. März ist eine Art Präsentation zu sehen. Schiffmann selbst ist unten rechts in der Ecke eingeblendet. Die von ihm gezeigten Folien suggerieren seinen Zuschauern: Informiert euch selbst, und zwar am besten anhand der Daten des Robert-Koch-Institutes, des Statistischen Bundesamtes oder auch der Johns Hopkins Universität. Er kritisiert die „Panikmache“ durch die Presse und rät, ruhig zu bleiben.

Außerdem äußert der Arzt massive Kritik an der deutschen Gesundheitspolitik, die seiner Meinung nach veraltete Notfallpläne vorhalte. Das erste Video zum Coronavirus endet mit den Worten: „Ich verspreche, ich werde mich hier jetzt nicht mehr zu diesem Thema äußern.“

Normalerweise erscheinen auf dem Youtube-Kanal der „Schwindelambulanz“ Erklärvideos zum Thema Schwindel, Schiffmanns Fachgebiet. Das älteste Video ist im Dezember 2013 hochgeladen worden. Darin erklärt Schiffmann anhand einer Puppe Übungen gegen Lagerungsschwindel. Es hat in sechs Jahren etwas mehr als 42.000 Abrufe erhalten. Die meisten der Videos auf dem Kanal haben weniger als 10.000 Abrufe. So bleibt es, jahrelang. Noch in der Woche vom 14. März hat die „Schwindelambulanz“ laut Analysetool Socialblade 766 Abonnenten. 

Sechs Wochen später, am 5. Mai sind es mehr als 133.000. Schiffman hat sein Versprechen, keine Videos mehr über Corona zu machen, nicht gehalten.

Zuschauer bezeichnen Schiffmann als „Verharmloser“ – er will, dass man ihm zuhört

Dabei seien die Reaktionen auf die ersten Videos durchmischt gewesen, erklärt Schiffmann gegenüber CORRECTIV. Die Kommentatoren hätten ihn als „Verharmloser“ bezeichnet. Das lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, da die Kommentare in besagten Videos abgeschaltet wurden. Der HNO-Arzt betont, dass er seine Einschätzung aus der eigenen Erfahrung und der Entwicklung der Zahlen aus Wuhan ableitet. Noch dazu sieht er das deutsche Gesundheitswesen nicht in Gefahr. 

Dass seine Einschätzung aber nicht wirklich gefragt zu sein scheint, wurmt Schiffmann offensichtlich. Im Gespräch betont er immer wieder, dass er bislang ja keine Interviewanfragen der öffentlich-rechtlichen Medien erhalten habe. Und das, obwohl seine Zuschauer ihn dort sogar empfohlen hätten. 

Sein Verhältnis zu Medien ist allerdings problematisch. Am Donnerstag, den 30. April, gab Bodo Schiffmann CORRECTIV ein Interview, das in beiderseitigem Einverständnis aufgezeichnet wurde. Der Arzt bat im Anschluss, die Zitate autorisieren zu dürfen – gestattete dann allerdings nicht, sie zu veröffentlichen. In diesem Text werden deswegen nur paraphrasierte Inhalte aus dem Interview verwendet.  

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

In einem seiner Videos fordert Schiffmann den Virologen Christian Drosten dazu auf, ihm auf eine Anfrage zu antworten. Außerdem solle die Bundesregierung doch einfach seinen Kanal abonnieren und anschließend ihre „Fehler zugeben“. 

Er wendet sich denen zu, die hören wollen, was der selbsternannte Experte zu sagen hat. Und das sind Interviewanfragen, die er anfangs noch abgesagt habe – aus dem Spektrum der alternativen Medien. Sein Bild über Ken.fm und Rubikon habe sich durch den persönlichen Kontakt geändert, sagt er uns im Gespräch. Er empfinde sie jetzt eher als „mitte-links“ und als „Querdenker“. 

Schiffmanns Videos sind oft irreführend 

Die Videos von Bodo Schiffmann beginnen immer gleich. Etwa die erste Hälfte nimmt eine Art Disclaimer und Eigenwerbung ein. Der Disclaimer hat sich im Laufe der Zeit verändert, eines bleibt gleich; Schiffmann wisse, dass SARS-CoV-2 ein gefährliches Virus ist – allerdings seien auch Grippeviren gefährlich. Warum dieser Vergleich hinkt, haben wir bereits in mehreren Faktenchecks dargestellt, zum Beispiel hier und hier

Zu Beginn eines jeden Videos behauptet Schiffmann außerdem, er sei immer kritisch und um Objektivität bemüht. Er rät seinen Zuschauern, sich an die behördlichen Vorgaben zu halten und bekräftigt, dass es sich bei den Informationen in den Videos um seine persönliche Meinung handele. 

Allerdings finden sich in seinen Videos immer wieder Falschinformationen. Drei Beispiele aus nur einem Video: In „Corona 40“ berichtet Bodo Schiffmann über die sogenannte „Hygienedemo“ am 1. Mai in Berlin, in deren Zuge der Organisator Anselm Lenz festgenommen wurde. Dieser sei von einem unverhältnismäßig großen Aufgebot an Polizei aus dem Taxi gezogen worden, weiß Schiffmann zu berichten. Dass er dabei Kontext auslässt, bemerken selbst seine Zuschauer. In mehreren Kommentaren ist dort zu lesen, dass Lenz wohl nicht ganz unschuldig an seiner Festnahme gewesen sei. Auch Medien berichteten, dass Lenz einige Polizisten mit Zeitungen beworfen habe.

Kommentar unter dem Video „Corona 40“ von Bodo Schiffmann. (Screenshot: CORRECTIV)

Im gleichen Video wirft Schiffmann einen Blick auf die Zahlen des Robert-Koch-Institutes. Er zeigt einen Screenshot des Dashboards vom RKI. Dann berichtet er, wie viele Menschen bereits an Covid-19 gestorben seien und zweifelt daran, ob diese mit oder an der Krankheit gestorben seien. Erste Obduktionsberichte aus Hamburg zeigen, dass die meisten der Covid-19-Toten dort tatsächlich am Virus gestorben sind.  

Anschließend betont Schiffmann, dass auch Covid-19-Todesfälle von Menschen, die gewaltsam ums Leben gekommen sind, in der Statistik gezählt werden. Unser Faktencheck hat ergeben: Das stimmt, spielt in der Statistik aber eine untergeordnete Rolle. Durch die Betonung im Video entsteht allerdings der Eindruck, das betreffe einen Großteil der Verstorbenen. 

Der HNO-Arzt stellt teilweise falsche Behauptungen auf. Dadurch nimmt er billigend in Kauf, dass seine Zuschauer das Vertrauen in Institutionen wie das Robert-Koch-Institut verlieren. Besonders deutlich wird das durch einen Blick in die Nutzerkommentare bei Youtube:

Nutzer-Kommentar unter einem Video auf dem Kanal von Bodo Schiffmann, in dem es um den versuchten Suizid einer jungen Frau geht. (Screenshot: CORRECTIV)
Weiterer Nutzer-Kommentar unter dem Video von Bodo Schiffmann. (Screenshot: CORRECTIV)

Die WHO sprach in diesem Zusammenhang schon im Februar von einer „massiven Infodemie“, bei der Falschmeldungen verbreitet würde. Nun sind in den Videos von Bodo Schiffmann aber nicht alle Behauptungen falsch. Er appelliert zudem immer wieder an seine Zuschauer, sie mögen doch bitte selbst die Fakten überprüfen. Durch seine medizinische Tätigkeit erweckt er zudem den Eindruck von Seriosität.

Der Arzt wird somit zu einem der wichtigsten Gesichter der Corona-Gegner. 

Die „Beschneidung der Grundrechte“ ist sein Lieblingsthema

Ein zentrales Thema in Schiffmanns Videos ist der „Lockdown“ in Deutschland – also die Kontaktbeschränkungen. In „Corona 40“ und vielen Videos zuvor wettert er gegen die Beschneidung von Grund- und Freiheitsrechten. Sein Credo: Das Infektionsschutzgesetz alleine hätte ausgereicht, um die Pandemie in den Griff zu kriegen. Das Gesundheitssystem in Deutschland sei stabil genug, um das Coronavirus auszuhalten. „Unter dem Deckmantel der Corona-Aktivität […] sind Gesetze erlassen worden, die man nicht hätte erlassen müssen, es sind Grundrechte gebrochen worden“, sagt er in einem Interview mit NuoViso.

Außerdem sei die Meinungsfreiheit beschnitten worden, indem kontrolliert werde, was auf Whatsapp, Facebook oder Youtube veröffentlicht wurde. 

Mit diesem Vorwurf bezieht sich Schiffmann unter anderem auf die Arbeit von CORRECTIV.Faktencheck, dem er in einem Video vorwirft, als „Meinungspolizei“ Artikel auf Facebook zu zensieren

Video gelöscht – der Wendepunkt für Bodo Schiffmann 

Auf Youtube werden seine Videos offenbar von Usern gemeldet: Das Video „Corona 11“ war sogar zeitweise komplett von der Plattform gelöscht worden. Darin beschäftigt er sich mit einem Papier des Deutschen Institutes für Katastrophenmedizin, das ihm angeblich zugespielt wurde. Darin wurde wohl über das Triage-Verfahren in Frankreich berichtet, demzufolge nach Alter entschieden werde, wer beatmet wird und wer nicht. Darüber hinaus würde bei Menschen, die nicht beatmet werden, angeblich Sterbebegleitung durch Opiate und Schlafmittel empfohlen.  

Verschiedene Medien griffen den Inhalt des Dokumentes auf, zum Beispiel hier und hier. Inzwischen gibt es laut einem Bericht des SWR allerdings erhebliche Zweifel daran. 

Die Löschung seines Videos war ein Wendepunkt für Schiffmann. „Und das hat mir starke Angst gemacht“, sagt er im Interview mit NuoViso. Er habe damit gerechnet, aufgrund des Inhaltes Post vom Anwalt zu bekommen oder ähnliches, aber nicht damit. 

CORRECTIV hat bei Youtube nachgefragt, warum das Video gelöscht wurde. Die Antwort: „Manchmal treffen unsere Systeme eine falsche Entscheidung. Wenn wir darauf hingewiesen werden, wird das Video wieder aktiviert. Was bereits geschehen ist.“ Schiffmanns Video ist wieder abrufbar. 

Es sind solche rhetorische Spitzfindigkeiten, mit denen Schiffmann bewusst versucht, Zweifel zu säen: Er, der Wissenschaftler, der an keine Verschwörungstheorien glaube, werde plötzlich selbst das Ziel von Zensur. 

Videos decken sich nicht immer mit den Community-Standards von Youtube

Aber nicht alles, was Schiffmann auf seinem Youtube-Kanal verbreitet, ist von den Community-Standards gedeckt. „Wir nehmen den Kampf gegen jedwede Form problematischer Inhalte sehr ernst und entfernen schon seit vielen Jahren alle Inhalte, die gegen unsere Produktrichtlinien verstoßen. Zum Beispiel erlauben wir keine Anstiftung zu Gewalt, Belästigung oder Hassrede“, schreibt Youtube per E-Mail an CORRECTIV. 

Die Standards kamen beispielsweise bei einem Video zum Tragen, in dem Schiffmann den Brief einer Mutter vorliest, deren Tochter sich das Leben nehmen wollte, angeblich, weil sie Angst hatte, sich mit Covid-19 anzustecken. Immerhin blendet Schiffmann dazu einen Hinweis ein, an wen sich seine Zuschauer wenden sollten, wenn sie Suizidgedanken haben. Das Video wurde dennoch von Youtube mit einem Warnhinweis versehen.

Dieses Video können sich Nutzer erst ansehen, wenn sie diesen Hinweis gelesen haben. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine neue Partei soll her: „Widerstand2020“

Der Arzt sucht nach anderen Wegen, um seinen Unmut zu teilen. Einer davon ist die „Querdenkerbommel“. 

Die Bastelanleitung dafür präsentiert Schiffmann zu Ostern: Ein Ball aus Aluminiumfolie, der an einem Band baumelt. Diese soll als „tägliche, legale, nicht anmeldungspflichtige Demonstration für Mitdenker, nicht Mitläufer“ dienen, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Auf den sogenannten Hygienedemos gelte die Bommel inzwischen als Uniform, erklärt uns Bodo Schiffmann. Wie Fotos zeigen, wird sie bereits von einigen getragen.

Querdenkerbommel auf der Hygienedemo am 2. Mai
Querdenkerbommel auf der Hygienedemo am 2. Mai in München. (Foto: picture alliance/ZUMA Press)

Es bleibt aber nicht bei einem Accessoire aus Alufolie. Kurz nach Ostern stellt Schiffmann im Video „Corona 26“ vom 15. April den Vorschlag in den Raum, eine Partei zu gründen. Er glaube nicht mehr, „dass man von außen etwas bewirkt.“ Das Video hat etwas mehr als 200.000 Aufrufe und knapp 3.000 Kommentare. 

In einem anderen Video versucht er, mit seinen Ideen bei einer der existierenden Parteien in Deutschland aufgenommen zu werden. „Wenn Sie eine Partei haben und der Meinung sind, dass ich diese unterstützen könnte, dann bitte ich darum, dass man sich mit mir in Verbindung setzt. Bitte jemand, der was zu sagen hat, also keine kleinen Ortsverbände, sondern dann den Parteivorsitzenden.“ 

Darauf hätten sich angeblich Parteien gemeldet wie die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) oder die „Neue Mitte“, erklärt Schiffmann gegenüber CORRECTIV. Mit denen habe er Videokonferenzen gehabt, man habe aber nicht zusammengefunden. 

Dann habe Schiffmann die Unternehmerin Victoria Hamm in einer Zoom-Konferenz kennengelernt. Dazugestoßen sei der Rechtsanwalt Ralf Ludwig, der die Facebook-Gruppe „Corona-Pandemie fällt heute aus“ mit mehr als 28.000 Mitgliedern betreut. Unter den dreien habe die Chemie gestimmt – sie gründeten selbst eine Partei: „Widerstand2020“.

Ziel der Partei: Alles soll so werden, wie es vor dem „Lockdown“ war 

Immer wieder versucht Schiffmann im Gespräch mit CORRECTIV, den Fokus auf seine Partei zu lenken. Diese habe in nur wenigen Wochen Erstaunliches vollbracht. Sie zähle mittlerweile mehr als 100.000 Mitglieder, wird auf der Webseite behauptet

Die Facebook-Seite der neuen Partei hat fast 25.000 „Gefällt mir“-Klicks. Man positioniere sich weder rechts, noch links und wolle als „Mitmachpartei“ funktionieren, heißt es. 

Was soll diese Partei also bewirken? Es soll alles wieder so werden, wie es vor dem „Shutdown“ war, betont Schiffmann mehrfach. Aber eben doch nicht ganz genauso: Die Grundrechte sollten überarbeitet werden und auch in Krisenzeiten geschützt sein. Das Ganze nennt sich laut Schiffmann dann „Machtbegrenzung“. „Widerstand2020“ arbeite darüber hinaus an basisdemokratischen Ideen. Jeder solle digital daran mitarbeiten können. Auf diesem Wege entstehe auch gerade das Parteiprogramm. 

Bodo Schiffmanns Vision: Politik solle nicht wie bislang von gewählten Stellvertretern gemacht, sondern von der gesamten Bevölkerung. Als Beispiel dafür solle die Schweiz dienen. 

Ob die Anzahl der Mitglieder, die „Widerstand2020“ angibt, tatsächlich stimmt, ist nicht nachvollziehbar. In den Sozialen Netzwerken wird sie massiv angezweifelt. So wurde ein Hahn namens „Blacky“ angeblich von seinem Besitzer bei der Partei angemeldet – ausgerechnet von einem hochrangigen Mitglied der AfD

Schutzmasken-Collage
Dieses Bild wird derzeit in den Sozialen Netzwerken verbreitet. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Ein in den Sozialen Netzwerken geteiltes Bild zeigt angeblich, um wie viel Prozent die Ansteckungsgefahr für Covid-19 sinkt, wenn alle einen Mundschutz tragen. Für die dort genannten Zahlen gibt es allerdings keine Belege.

Auf Facebook und Twitter wurde in den vergangenen Tagen tausendfach ein Bild geteilt, in dem die Schutzwirkung von Masken vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus erklärt werden soll. Wenn zwei Personen sich begegnen und je einen Mundschutz tragen, verringere sich die Ansteckungsgefahr auf 1,5 Prozent, wird dort behauptet. Die Grafik kursiert auf Deutsch und Englisch.

Dieses Bild wurde auf Facebook tausendfach geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV hat mit dem Robert Koch-Institut (RKI) und dem Bundesinstitut für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) gesprochen. Beide betonen, dass das Tragen von Masken beim Eindämmen von Covid-19 helfen können. Für die konkreten Zahlen im Bild gibt es allerdings keine Belege. 

BAUA: Individuelle Ansteckungsraten für Covid-19 lassen sich nicht festlegen

Auf dem Bild sind drei verschiedene Situationen abgebildet. Einmal trägt eine Covid-19-Trägerin keine Maske, ihr Gegenüber schon. Dem Bild nach bedeute das eine Ansteckungsgefahr von 70 Prozent. In der zweiten Situation trägt die Covid-19-Trägerin eine Maske, ihr Gegenüber nicht. Das verringere die Ansteckungsgefahr auf fünf Prozent. In der dritten Situation tragen beide eine Maske, wodurch die Ansteckungsgefahr nur noch 1,5 Prozent betrage. Eine Quelle für die Zahlen wird nicht genannt. Auch ist unklar, um welche Art von Maske es sich handeln soll.

Jörg Feldmann, Pressesprecher des BAUA, schreibt CORRECTIV in einer E-Mail: „Individuelle Ansteckungsrisiken lassen sich ja nicht so ohne weiteres festlegen.“ Das Bild gebe keine Informationen über den Abstand, das Verhalten der Personen oder die freigesetzte Viruslast. „Aus der Grafik geht also nicht hervor, auf welcher Grundlage das Risiko berechnet wurde. Also sehr unseriös das Ganze und wenig plausibel, da nicht nachvollzogen werden kann, wie diese Werte zustande kommen.“

E-Mail des Pressesprechers des Bundesinstitutes für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. (Screenshot: CORRECTIV)

Und auch Marieke Degen, Pressesprecherin des Robert Koch-Institutes schreibt: „Es gibt unseres Wissens keine Studien dazu. Das Infektionsrisiko lässt sich auch nicht auf einen Prozentsatz herunterbrechen.“

Schutzwirkung von Masken ist nachgewiesen

Die Grundaussage des Facebook-Beitrages ist dennoch richtig. In verschiedenen Studien wurde die Wirksamkeit des Tragens von Gesichtsmasken untersucht. Zuletzt erschien am 3. April eine Studie, die die Schutzwirkung bei verschiedenen Atemwegserkrankungen untersucht hat, darunter saisonale Coronaviren (nicht SARS-CoV-2), Influenza- und Rhinoviren. „Wir haben auch die Wirksamkeit von Operationsmasken zur Verringerung des Coronavirus-Nachweises und der Viruskopien in großen Atemtröpfchen und in Aerosolen gezeigt. Dies hat wichtige Auswirkungen auf die Kontrolle von Covid-19, was darauf hindeutet, dass chirurgische Gesichtsmasken von kranken Menschen verwendet werden könnten, um die Weiterübertragung zu verringern.“ 

Dazu schreibt Feldmann vom BAUA: „Es zeigt sich, dass die Ausbreitung von Mund-Nasen-Schutz (chirurgische Masken) die Freisetzung von Viren sehr stark verringern kann. Daraus lassen sich jedoch keine konkreten Prozentzahlen ableiten.“

Schwerpunkt: Coronavirus

Alle Faktenchecks, Hintergründe und Tipps, wie Sie Falschmeldungen besser erkennen.

ZUM SCHWERPUNKT

Eine Studie von 2008 hat sich ebenfalls mit der Schutzwirkung von Masken beschäftigt, und zwar hinsichtlich der Eindämmung einer möglichen Influenza-Epidemie. Das Ergebnis: „Alle Arten von Masken reduzierten die Aerosol-Exposition relativ stabil im Zeitverlauf, unabhängig von der Tragedauer oder der Art der Aktivität, jedoch mit einem hohen Grad an individueller Variation. Atemschutzmasken [Anm. d. R.: filtrierende Halbmasken und stärker] waren effizienter als chirurgische Masken, die effizienter waren als selbstgemachte Masken. Unabhängig vom Maskentyp waren Kinder weniger gut geschützt.“

Das Tragen einer Maske sollte keine falsche Sicherheit suggerieren

Das BAUA weist aber darauf hin, dass das Tragen einer Maske nicht dazu führen sollte, dass bisherige Maßnahmen vernachlässigt werden. „Schutzausrüstung kann dazu beitragen, dass sie die Nutzer in falscher Sicherheit wiegt. In Folge könnte der Sicherheitsabstand dauerhaft vernachlässigt oder bei der Hygiene geschlampt werden“, schreibt Feldmann an CORRECTIV. 

E-Mail-Antwort von Jörg Feldmann vom BAUA. (Screenshot: CORRECTIV)

Und auch das RKI bekräftigt, dass eine Maske zusätzlich zu den bisherigen Empfehlungen in bestimmten Situationen getragen werden sollte. Das Tragen einer Maske hebe die Empfehlungen bezüglich Kontaktreduktion, Abstandhalten, Händehygiene und Husten- und Nies-Etikette nicht auf (PDF, S. 4).

Neben der Einhaltung der Empfehlungen, ist auch der richtige Umgang mit Masken wichtig.  Wenn die Maske nach längerem Tragen feucht sei, sollte sie gewechselt werden, schreibt Marieke Degen vom RKI. Es könne zu einer Kontamination der Maske mit der Mund-Rachen-Flora kommen – also mit Bakterien. „Systematische und vergleichbare Studien gibt es hierzu bislang aber nicht.“ 

E-Mail von Marieke Degen, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Das RKI rät deshalb, den Mundschutz nicht dauerhaft, sondern zeitlich begrenzt zu tragen, zum Beispiel beim Einkauf oder in Bus und Bahn. „Ein MNB (Anm. d.R.: Mund-Nasen-Bedeckung) ist nicht dauerhaft erforderlich“, schreibt Marieke Degen. 

Zudem muss der Mundschutz regelmäßig gewechselt und gereinigt werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt, selbstgenähte Masken nach der Nutzung in einem Beutel luftdicht verschlossen aufzubewahren oder sofort zu waschen. Idealerweise bei 95 Grad, mindestens aber bei 60 Grad. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, um wie viel Prozent eine Maske die Ansteckungsgefahr eindämmt.

Philipp Stehling
Der Youtuber Philipp Stehling stellt in seinem Video einige Behauptungen zum Tragen von Mundschutz auf. (Screenshot: CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

In einem Video auf Youtube behauptet ein junger Sanitäter namens Philipp Stehling, das Tragen eines selbstgenähten Mundschutzes sei gefährlich und sinnlos. Dafür führt er einige Studien an, deren Ergebnisse er allerdings falsch wiedergibt. 

Das Youtube-Video eines Notfallsanitäters wird gerade tausendfach angeschaut. Ein junger Mann namens Philipp Stehling behauptet darin, das Tragen eines Mundschutzes sei gefährlich. Die Wahrscheinlichkeit sei höher, sich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 anzustecken, als wenn man keine Maske trage. Bei diesen Aussagen handelt es sich um falsche Interpretationen wissenschaftlicher Studien. 

Mittlerweile wurde das Video vom 8. April mehr als 368.000 Mal auf Youtube abgerufen. 

Stehling betreibt seinen Youtube-Kanal seit Januar 2014. Darauf gibt es vor allem Videos über seine Arbeit als Rettungssanitäter, in denen er Begriffe oder Gegenstände erklärt. Die meisten seiner Videos haben weniger als 4.000 Abrufe. Auf dem Instagram-Profil von Stehling kann man außerdem entdecken, dass er bereits Fernsehauftritte unter anderem bei RTL hatte. Auch Bild interviewte Stehling im Februar zur Corona-Pandemie. 

Seit zwei Monaten berichtet Stehling bei Youtube über das Coronavirus. Die Überschriften zu seinen Videos sind dabei oft reißerisch. So heißt es beispielsweise: „Haben die EXPERTEN VERSAGT? – REALTALK zum CORONAVIRUS! Wacht endlich auf!“ Seine Antwort lautet: Die Experten hätten alles richtig gemacht, aber „selbsternannte Experten“ in den Sozialen Netzwerken hätten versucht, das Virus zu verharmlosen. Eine Beobachtung, die wir bei CORRECTIV ebenfalls gemacht haben

Am 8. April beginnt er ein Video dann mit folgenden Worten: „Es gibt einen ganz gefährlichen, dramatischen, lebensgefährlichen Trend, nämlich das Tragen von Mundschutz.“ Das Video trägt den Titel „Wer Mundschutz trägt, steckt sich an! Neue Studie!“

Erste Behauptung: Studie belegt, Mundschutz hält die Coronaviren nicht auf  

Stehling erzählt, es gebe eine Studie, in der Covid-19-Patienten untersucht worden wären. Das Ergebnis: Sie husten die Viren durch einen chirurgischen oder Baumwollmundschutz hindurch. Der Youtuber blendet die Studie dann auch ein. (ab Minute 1:11) Allerdings handelt es sich dabei lediglich um eine kontrollierte Untersuchung von vier Patienten. Diese haben je fünfmal ohne Mundschutz, mit chirurgischem Mundschutz, mit einer Stoffmaske und noch einmal ohne Mundschutz in eine Petrischale gehustet. 

Die im Versuch gemessene Viruslast in der Petrischale nach dem Husten mit und ohne Mundschutz hat sich nicht wesentlich verändert. Das Ergebnis bei einem Mundschutz aus Baumwolle war dabei in zwei der vier Ergebnisse besser als das bei einem chirurgischen Mundschutz. 

Abschließend schreiben die Autoren der Studie: „Dieses Experiment beinhaltete keine N95-Masken und spiegelt nicht die tatsächliche Übertragung der Infektion durch Patienten mit Covid-19 wider, die verschiedene Arten von Masken tragen. Wir wissen nicht, ob Masken die zurückgelegte Strecke der Tröpfchen beim Husten verkürzen. Es sind weitere Studien erforderlich, um zu empfehlen, ob Gesichtsmasken die Übertragung des Virus von asymptomatischen Personen oder von Personen mit Verdacht auf Covid-19, die nicht husten, verringern.“

Dem Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks sagte der Infektiologe Bernd Salzberger des Universitätsklinikums Regensburg, er halte die Studie nicht für einen Beweis für die Unwirksamkeit von Masken. Das starke Husten in die Maske sei nicht mit einer realen Situation zu vergleichen. Im Alltag würde der Mundschutz vor allem helfen, beim Sprechen Tröpfchen aufzufangen, so der Infektiologe gegenüber Faktenfuchs

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie wurde vom Robert-Koch-Institut klargestellt, dass nur filtrierende Halbmasken ab FFP2 und höher einen wirksamen Schutz vor SARS-CoV-2 bieten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wie diese Übersicht der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz zeigt. 

Die Studie stützt die Behauptung von Stehling nicht, da nur vier Personen untersucht wurden. 

Zweite Behauptung: Es bringt keinen Vorteil, wenn man eine selbstgenähte Maske trägt

Als nächstes schaut sich Stehling eine Studie an, in der die Wirksamkeit von selbstgenähten Masken untersucht wurde. Seine Schlussfolgerung: Da die meisten Menschen im Umgang mit Masken nicht geübt seien, bringe das Tragen keine Vorteile (ab Minute 3:42). 

Die angesprochene Studie wurde im Jahr 2008 veröffentlicht, also lange, bevor das Coronavirus SARS-CoV-2 in Deutschland aufgetreten ist. Darin wurde die Wirksamkeit von selbstgemachten Masken (hier aus Teetüchern), chirurgischem Mundschutz und filtrierenden Halbmasken untersucht. Und zwar darauf, ob sie im Falle einer möglichen Influenza-Epidemie „als zugängliche und erschwingliche Intervention“ effektiv im Alltag sein könnten. (PDF, S. 1)

Anders als von Stehling behauptet, lautet die Antwort auf diese Frage: Ja. Zwar gebe es Abstufungen in der Wirksamkeit, einerseits bedingt durch eine geübte Benutzung und andererseits durch die Art der Maske. Aber: „Obwohl dies bedeuten könnte, dass einzelne Probanden aus Sicht der öffentlichen Gesundheit möglicherweise nicht immer optimal geschützt sind, kann jede Art der allgemeinen Verwendung von Gesichtsmasken immer noch die Virusübertragung verringern.“ (PDF, S. 4)

Die von Stehling aufgestellte Behauptung, das Tragen von selbstgenähten Masken bringe keine Vorteile, ist somit falsch. In der von ihm zitierten Studie werden die Vorteile des Masketragens eindeutig herausgearbeitet. 

Dritte Behauptung: Wer eine Maske trägt, wird schneller krank

Dann wird es im Video von Stehling nach eigenen Aussagen „dramatisch“ (ab 3:45). Eine Studie besage: „Pflegekräfte mit einem Stoffmundschutz, also mit Baumwollmundschutz oder mit einem chirurgischen Mundschutz, die während der gesamten Schicht den getragen haben, wurden häufiger krank als die, die ihn nicht getragen haben.“ Dieses Ergebnis leitet der Notfallsanitäter aus einer Studie ab, die 2015 erschien und den Gebrauch von Stoffmasken im Vergleich zu medizinischen Masken bei Beschäftigten im Gesundheitswesen untersuchte.  

Darin wurden 1.607 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus vietnamesischen Krankenhäusern untersucht. Diese wurden in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe trug während ihrer gesamten Schicht einen medizinischen Mundschutz, eine weitere einen Stoffmundschutz. und die dritte Gruppe konnte selbst entscheiden, ob sie einen Mundschutz tragen wollte. In der Studie wird darauf hingewiesen, dass diese Kontrollgruppe aus ethischen Gründen nicht dazu aufgefordert wurde, keinen Mundschutz zu tragen. (PDF, S. 2)

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Insgesamt dauerte die Studie vier Wochen, in denen die Teilnehmer jeden Tag ihren Gesundheitsstatus protokollierten. (PDF, S. 3) Die Rate aller Atemwegserkrankungen und grippeähnlichen Erkrankungen war demnach am höchsten in der Gruppe mit Stoffmasken. (PDF, S. 1).

In der Diskussion zur Studie heißt es: „Die physikalischen Eigenschaften einer Stoffmaske, die Wiederverwendung, die Häufigkeit und Wirksamkeit der Reinigung sowie die erhöhte Feuchtigkeitsspeicherung können möglicherweise das Infektionsrisiko für HCWs [Anm. d. R.: Health Care Workers] erhöhen.“ (PDF, S. 6) 

Im Alltag ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Menschen eine Stoffmaske stundenlang tragen. Die Maskenpflicht schreibt das Tragen lediglich in Bus und Bahn und beim Einkaufen vor. Sollte das längere Tragen erforderlich sein, rät das Robert Koch-Institut dazu, die Maske zu wechseln, sobald sie durchfeuchtet ist. 

Aus den FAQ des RKI zur Frage: Ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in der Öffentlichkeit zum Schutz vor SARS-CoV-2 sinnvoll?
Aus den FAQ des RKI zur Frage: Ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in der Öffentlichkeit zum Schutz vor SARS-CoV-2 sinnvoll? (Screenshot: CORRECTIV)

Philipp Stehling hat also diese Studie aus Vietnam richtig zitiert, allerdings auf die Einordnung verzichtet. Am Ende des Videos rät der Youtuber dann: „Legt euch einen FFP2-Mundschutz zu.“ (ab 5:19) Sie seien die einzigen Masken, die gegen das Virus helfen würden. 

Das ist richtig. Allerdings schreibt das RKI dazu ganz klar: „Mehrlagiger medizinischer (chirurgischer) Mund-Nasen-Schutz (MNS) und medizinische Atemschutzmasken, z.B. FFP-Masken, müssen medizinischem und pflegerischem Personal vorbehalten bleiben.“

Nach der Veröffentlichung des Videos hagelt es negative Kommentare für Stehling

Dass Stehling in seinem Video Ergebnisse von Studien falsch zitiert und falsche Schlussfolgerungen zieht, ist auch seinen Zuschauern aufgefallen. In den Kommentaren ist beispielsweise zu lesen: „Wer mit Verständnis lesen kann, ist klar im Vorteil! Dieses Video ist nichts weiteres, als gefährliche Panikmache von jemandem, der gar keine Fachkompetenz hat.“ 

Kommentar zu Stehling
Kommentar unter dem Youtube-Video von Stehling (Screenshot: CORRECTIV)

Mittlerweile hat Stehling sogar ein Video veröffentlicht, in dem er auf die, wie er es nennt, „Hate-Kommentare“ reagiert. Darin erklärt er seinen Zuschauern, dass sie etwas falsch verstanden hätten. Er habe mit seinem Video einfach nur sagen wollen, dass sich die Menschen durch den selbstgenähten Mundschutz in falscher Sicherheit wiegen würden. Seine Zuschauer hätten seine Worte „fehlinterpretiert“ und das Video auch nicht ganz angeschaut. 

Unsere Bewertung:
Unsere Bewertung: Größtenteils falsch. Stehling zieht falsche Schlussfolgerungen aus den genannten Studien. 

corona-5035180_1280
Wer einen Mundschutz trägt, atmet nicht zu viel CO2 ein. (Symbolbild: Fotoblend/Pixabay)

von Bianca Hoffmann

Auf einem tausendfach geteilten Bild wird vor dem Tragen von Mundschutz gewarnt – da man damit angeblich zu viel CO2 einatme. Außerdem sei die Feuchtigkeit, die beim Tragen entsteht, ein Nährboden für Keime in der Maske und Lunge. Diese Behauptungen sind größtenteils falsch.

In sämtlichen Bundesländern wurde laut Medienberichten inzwischen eine Maskenpflicht im Einsatz gegen die Corona-Pandemie eingeführt. Gleichzeitig mehren sich auf Facebook Behauptungen, dass das Tragen von Masken schädlich sein könnte. 

Besonders häufig wird ein Bild geteilt, auf dem zu lesen ist: „Durch Maskentragen atmen wir mit der Zeit viel CO2 ein. Die Sauerstoffversorgung lässt nach.“ Außerdem sammle sich viel Feuchtigkeit in Maske und Lunge, wodurch sich angeblich gefährliche Keime in der Lunge vermehren würden. 

In manchen Varianten des Beitrags wird außerdem suggeriert, das Tragen der Maske diene dazu, die Menschen durch den Sauerstoffverlust zu kontrollieren; oder es wird davor gewarnt, Kindern eine Maske aufzusetzen, weil das angeblich zu Atemlähmungen führen könne. 

Dieser Beitrag wird in verschiedenen Varianten derzeit tausendfach auf Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV, Quelle: Facebook)
Dieser Beitrag wird in verschiedenen Varianten derzeit tausendfach auf Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV, Quelle: Facebook)

Die Behauptung mit dem CO2 basiert offenbar auf einer 15 Jahre alten Studie, die inzwischen überholt ist. Es ist allerdings möglich, dass sich durch das Tragen von Mundschutz Keime bilden. Diese gelangen aber nicht in die Lunge. CORRECTIV hat zur Überprüfung der Behauptungen mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, dem Lungeninformationsdienst, dem Robert Koch-Institut (RKI) sowie 3M, einem Hersteller von medizinischen Masken, gesprochen. 

Studie beschäftigte sich 2005 mit Rückatmung von CO2 bei der Verwendung von Operationsmasken

Tatsächlich erschien im Jahr 2005 – also lange vor der Corona-Pandemie – eine Studie an der Technischen Universität München, die sich mit der „Rückatmung von Kohlendioxid bei Verwendung von Operationsmasken als hygienischer Mundschutz an medizinischem Fachpersonal“ beschäftigte. In manchen Kommentaren zu den Beiträgen auf Facebook wird diese auch verlinkt. 

Die Studie kam vor 15 Jahren zu dem Ergebnis, dass das CO2 könne beim Ausatmen durch die OP-Maske nur teilweise entweichen. „Dieser Effekt führte zu dem Ergebnis, dass die Probanden Luft einatmeten, deren CO2-Gehalt höher war als derjenige der umgebenden Raumluft.“ Dadurch steige die Kohlendioxid-Konzentration im Blut. (PDF, S. 35)

Zu viel CO2 im Blut kann negative Auswirkungen haben

Das könne zu einer Zunahme der Reaktionszeit und Abnahme der Leistungsfähigkeit führen. Die Autorin der Studie schlussfolgert: „Es wäre denkbar, dass die gezeigten Effekte das chirurgische Ergebnis beeinflussen könnten.“ Sie empfahl Herstellern von OP-Masken, ihre Produkte durchlässiger für Kohlendioxid zu machen. (PDF, S. 41 und 42)

„Ein erhöhter CO2-Gehalt im Blut (Hyperkapnie) kann beispielsweise Kopfschmerzen, Hautrötungen, eine erhöhte Herzfrequenz oder leichte Verwirrtheit hervorrufen“, schreibt das Team des Lungeninformationsdienstes per E-Mail an CORRECTIV. Durch die Anreicherung des Blutes mit Kohlendioxid sinke der pH-Wert in den leicht sauren Bereich. Das führe wiederum zu verengten Blutgefäßen in der Lunge und erweiterten Blutgefäßen in anderen Teilen des Körpers, insbesondere im Gehirn. „Als Folge steigt die Kalium-Konzentration im Blut, wodurch  die Herzfunktion beeinträchtigt wird und es zu Herzrhythmusstörungen kommen kann.“ 

E-Mail des Lungeninformationsdienstes vom Helmholtz-Zentrum München (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
E-Mail des Lungeninformationsdienstes vom Helmholtz-Zentrum München (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Studie bezieht sich nicht auf FFP-Masken oder selbstgenähten Mundschutz

Die Studie beschäftigt sich ausschließlich mit zwei Modellen von OP-Masken, also dem klassischen Mund-Nasen-Schutz (PDF, S.18 bis 20). Das Tragen von filtrierenden Halbmasken (FFP-Masken) oder selbstgenähten Masken wurde nicht untersucht. 

Gegen die Corona-Pandemie kommen derzeit alle drei Maskentypen zum Einsatz. Abstand halten und Hände waschen sollte man laut den zuständigen Behörden in jedem Fall trotzdem. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat auf seiner Webseite einen Vergleich veröffentlicht. 

  • Selbstgenähte Masken: Diese Masken sind für den privaten Gebrauch. Eine Schutzwirkung für den Träger ist nicht nachgewiesen, allerdings kann eine selbstgenähte Maske andere schützen, indem sie den Auswurf von Speicheltröpfchen verringert. Selbstgenähte Masken sollten aus kochfestem Baumwollstoff sein. Sie sind luftdurchlässig, hindern den Träger also nicht am Atmen. 
  • Mund-Nasen-Schutz/OP-Masken: Diese Masken dienen dem Fremdschutz. Sie müssen in Deutschland zugelassen sein, was durch eine DIN-Norm geregelt ist. Sie schützen vor Tröpfchenauswurf des Trägers. „Da der Träger je nach Sitz des MNS (Anm. d.R.: Mund-Nasen-Schutz) im Wesentlichen nicht durch das Vlies des MNS einatmet, sondern die Atemluft an den Rändern des MNS vorbei angesogen wird, bieten MNS für den Träger in der Regel kaum Schutz gegenüber erregerhaltigen Tröpfchen und Aerosolen.“
  • Filtrierende Halbmasken (FFP-Masken): Diese Masken dienen dem Selbstschutz. Laut BfARM schützen sie den Träger vor Partikeln, Tröpfchen und Aerosolen. Manche der FFP-Masken verfügen über ein Ausatemventil, andere nicht. Masken ohne Ventil filtern sowohl die eingeatmete als auch die ausgeatmete Luft und bieten daher Eigen- und Fremdschutz: „Masken mit Ventil filtern nur die eingeatmete Luft und sind daher nicht für den Fremdschutz ausgelegt.“

DIN-Normen verhindern, dass man zuviel CO2 einatmet

Sowohl der medizinische Mund-Nasen-Schutz als auch die filtrierenden Halbmasken sind durch das Deutsche Institut für Normierung (DIN) zertifiziert und zugelassen. Beide Zertifizierungen wurden zuletzt 2009 überarbeitet, also vier Jahre, nachdem die Studie an der TU München erschienen ist.  

In einer E-Mail an CORRECTIV schreibt Anja Ströhlein, Pressesprecherin von 3M, einem Hersteller für verschiedene Maskenarten: „Die EN149 Norm setzt klare Grenzen für den Ein- und Ausatemwiderstand von Atemschutzmasken – die Norm 14683 entsprechend für chirurgische Masken.“ Man könne deshalb davon ausgehen, dass es bei der korrekten Handhabung nicht zu einer Ansammlung von Kohlendioxid unter dem Atemschutz komme. 

E-Mail von Anja Ströhlein, Pressesprecherin 3M. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
E-Mail von Anja Ströhlein, Pressesprecherin 3M. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Diese Aussage bestätigt auch das RKI per E-Mail gegenüber CORRECTIV: „Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon“, schreibt uns Pressesprecherin Marieke Dregen. Gerade das Tragen von mehrlagigen, sehr dichten und eng anliegenden Mund-Nasen-Bedeckungen könne beispielsweise für ältere Menschen oder für Menschen mit chronischen Lungenkrankheiten sehr anstrengend sein. Auch Ströhlein schreibt: „Grundsätzlich kann jeder Atemschutz das Ein- und Ausatmen erschweren, da er eine Barriere darstellt. Diese Barriere ist unterschiedlich stark je nach Filterleistung, nach Ausstattung der Maske mit Ventil oder ohne (bei FFP-Masken) oder nach Art des Materials beim Nasen-Mund-Schutz.“

E-Mail von Marieke Dregen, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
E-Mail von Marieke Dregen, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Man könne aber davon ausgehen, dass von zertifizierten Masken keine Gesundheitsgefahr für gesunde Anwender ausgehe, so Ströhlein weiter. Die Warnungen der Studie der TU München von 2005 sind demnach überholt. Die Kernbehauptung des Facebook-Bildes ist falsch. 

Feuchte Masken können mit Bakterien verunreinigt sein

Je nach Variante werden in den Facebook-Beiträgen aber weitere Behauptungen aufgestellt. Eine davon lautet, es sammle sich viel Feuchtigkeit in Maske und Lunge, wodurch sich angeblich gefährliche Keime in der Lunge vermehren würden. 

Wenn die Maske nach längerem Tragen feucht sei, sollte sie gewechselt werden, schreibt Marieke Degen vom RKI. Es könne zu einer Kontamination der Maske mit der Mund-Rachen-Flora kommen – aber mit Bakterien, nicht mit Viren. „Systematische und vergleichbare Studien gibt es hierzu bislang aber nicht.“ 

E-Mail von Marieke Dregen, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)
E-Mail von Marieke Dregen, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Es ist also möglich, dass sich durch die angesammelte Feuchtigkeit in der Maske Keime vermehren können, allerdings nicht in der Lunge, sondern im Mund-Rachen-Raum. 

Das RKI rät deshalb, den Mundschutz nicht dauerhaft, sondern zeitlich begrenzt zu tragen, zum Beispiel beim Einkauf oder in Bus und Bahn. „Ein MNB (Anm. d.R.: Mund-Nasen-Bedeckung) ist nicht dauerhaft erforderlich“, schreibt Marieke Degen. 

Auch die Maskenpflicht zum Beispiel in Bayern gilt nur beim Einkaufen oder der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. 

Zudem muss der Mundschutz regelmäßig gewechselt und gereinigt werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt, selbstgenähte Masken nach der Nutzung in einem Beutel luftdicht verschlossen aufzubewahren oder sofort zu waschen. Idealerweise bei 95 Grad, mindestens aber bei 60 Grad. 

FFP-Masken sind für Kinder ungeeignet – selbstgenähte Masken sind nichts für Kleinkinder 

In einer anderen Variante des Facebook-Beitrages werden Eltern davor gewarnt, ihren Kindern einen selbstgenähten Mundschutz aufzusetzen: „Bitte zieht euren Kindern unter 6 Jahren keine Maske auf. Sie können den CO2-Ausstoß selbst unter der Maske nicht kontrollieren.“ Sie würden nicht merken, wenn sie zu wenig Luft bekommen, was zu Atemlähmungen führen könne. 

Eine Variante des Facebook-Beitrags warnt explizit Eltern, ihren Kindern eine selbstgenähte Maske aufzusetzen. (Screenshot: CORRECTIV)
Eine Variante des Facebook-Beitrags warnt explizit Eltern, ihren Kindern eine selbstgenähte Maske aufzusetzen. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptung ist falsch. Auch hier muss wieder zwischen den unterschiedlichen Arten von Mundschutz unterschieden werden. Für die filtrierenden Atemschutzmasken rät der Hersteller 3M tatsächlich dringend davon ab, dass Kleinkinder und Säuglinge diese tragen. Es drohe Erstickungsgefahr. 

Bei selbstgenähtem Mundschutz gibt es jedoch eher andere Probleme. So rät der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, dass Kinder unter zwei Jahren diesen nicht tragen sollten – vor allem, weil sie sich häufig ins Gesicht fassen. Ansonsten sollten Eltern dafür sorgen, dass die Maske richtig sitzt und Mund und Nase bedeckt. 

In Bayern und Thüringen sind Kinder unter sieben beziehungsweise sechs Jahren von der Maskenpflicht ausgenommen. Andere Bundesländer haben dazu bislang keine expliziten Regelungen. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es droht beim Tragen einer Maske kein Sauerstoffverlust und bei richtiger Anwendung auch keine bakterielle Infektion.

Intensivstation Coronavirus
Nicht alle Menschen, die als Corona-Tote zählen, sind im Krankenhaus auf einer Intensivstation gestorben. (Symbolbild: picture alliance/imageBROKER)

von Bianca Hoffmann

Zählen auch Menschen mit Covid-19, die per Eigen- oder Fremdeinwirkung zu Tode kommen, als Coronavirus-Todesfälle? Ein Bild, das gerade auf Whatsapp herumgeschickt wird, soll das suggerieren. Die Behauptung entspricht den Tatsachen, es gibt aber einen Grund für die Zählweise.

Auf Whatsapp wird derzeit offenbar ein Bild geteilt, das aussieht wie eine Nachricht im Fernsehen. Es handelt sich dabei um eine Fotomontage, die einen fallenden Mann über Wolken zeigt. Darunter stehen die Worte: „Fallschirmspringer ohne Fallschirm – stirbt am Coronavirus“. Zusätzlich zu dem Bild wird außerdem diese Nachricht in der Messenger-App verbreitet: „Die Statistik des RKI lügt. Selbst ein positiv getesteter Selbstmörder, dessen Todesursache offensichtlich nicht Corona ist, kommt in die Statistik der Coronatoten.“

Diese Fotomontage wird aktuell offenbar per Whatsapp verbreitet. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben das Bild per E-Mail von einem Leser zugeschickt bekommen. Er fragte uns: „Stimmt es tatsächlich, dass ein Mensch, der unter Fremd- oder Eigeneinwirkung gewaltsam verstirbt und zuvor positiv auf Corona getestet wurde vom Robert-Koch-Institut als ‘Coronatoter’ öffentlich gelistet wird?“

CORRECTIV hat beim Robert Koch-Institut nachgefragt. 

Als Todesopfer im Zusammenhang mit dem Coronavirus gelten alle, die zum Zeitpunkt des Todes die Diagnose Covid-19 hatten

Marieke Degen, Pressesprecherin des RKI, schreibt per E-Mail an CORRECTIV: „Das stimmt tatsächlich. Die beschriebene Situation ist aber sehr selten, so dass die Zahl der Todesfälle nicht verzerrt wird.“

Die Zählweise der Covid-19-Todesfälle wird immer wieder kritisiert. Zuletzt machte der Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg darauf aufmerksam. Er obduziert Verstorbene mit Covid-19-Diagnose und analysiert, welche Menschen tatsächlich an dem Coronavirus starben, und welche an einer anderen Ursache. In Hamburg werden alle Todesfälle von der Rechtsmedizin untersucht. Laut einer Mitteilung der Stadt vom 22. April konnte die Todesursache Covid-19 bisher insgesamt bei 95 Patienten nachgewiesen werden. (Das RKI gibt für Hamburg mit Stand 22. April noch 91 Todesfälle an.)

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Offiziell ist es so, dass beim RKI die Covid-19-Todesfälle gezählt werden, bei denen ein laborbestätigter Nachweis vorliegt und die in Bezug mit der SARS-CoV-2-Infektion verstorben sind, schreibt Degen. Das Risiko, an der Lungenkrankheit zu sterben, sei bei Personen mit bestimmten Vorerkrankungen höher. „Daher ist es in der Praxis häufig schwierig zu entscheiden, inwieweit die SARS-CoV-2-Infektion unmittelbar zum Tode beigetragen hat.“

E-Mail von Marieke Degen, Pressesprecherin des Robert Koch-Institutes. (Screenshot: CORRECTIV)
E-Mail von Marieke Degen, Pressesprecherin des Robert Koch-Institutes. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Fälle „verstorben an Coronavirus“ und „verstorben mit Coronavirus“ werden also zusammengefasst, um ein genaueres Bild der Todesfälle zu bekommen. Damit solle verhindert werden, dass die Todesfälle untererfasst werden, so Degen. Jemand, der gewaltsam durch Eigen- oder Fremdeinwirkung stirbt, sei demnach „verstorben mit“ Covid-19 und werde in die Statistik der Todesfälle aufgenommen. „Wie gesagt, die beschriebene Situation – dass jemand an Covid-19 erkrankt ist und danach tödlich verunglückt – ist sehr selten.“

Unsere Bewertung:
Richtig. Auch Menschen mit Covid-19, die gewaltsam ums Leben gekommen sind, werden in die Statistik aufgenommen.