Profil

Kathrin Wesolowski

Faktencheckerin

Kathrin studierte Journalistik in Dortmund und Monterrey, Mexiko, und volontierte beim Hessischen Rundfunk. Sie recherchierte unter anderem zu Kinderarbeit in Myanmar, Rassismus in Mexiko und dem Holocaust in Polen. Als freie Journalistin arbeitete sie bereits für Medien wie den WDR, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung oder den dpa-Themendienst. Seit Mai 2020 ist sie Teil des CORRECTIV.Faktencheck-Teams.

E-Mail: kathrin.wesolowski(at)correctiv.org
Twitter: @wiesokate

Dieses Bild zweier Artikel von Zeit Online soll zeigen, dass sich die Nachrichtenseite widerspricht - das stimmt aber nicht.
Dieses Bild zweier Artikel von Zeit Online soll zeigen, dass sich die Nachrichtenseite widerspricht - das stimmt aber nicht. (Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

In Messenger-Diensten kursiert ein Screenshot zweier Artikel der Nachrichtenseite Zeit Online über die Bildung von Geflüchteten. Es wird suggeriert, dass sich die Artikel inhaltlich selbst widersprechen. Das ist irreführend.

In den Messenger-Diensten Whatsapp und Telegram kursiert ein Foto, auf dem Titel und Teaser zweier Artikel der Nachrichtenseite Zeit Online gegenübergestellt werden. In dem Artikel mit dem Titel „Wie die AfD mit falschen Zahlen Vorurteile schürt“ wird die Aussage von Alice Weidel (AfD), dass zwei Drittel aller Flüchtlinge keine Schulausbildung hätten, als wissenschaftlich unbelegt eingestuft. 

Der andere Artikel (kostenpflichtig) trägt den Titel „,Zwei Drittel können kaum lesen und schreiben’“ und handelt laut Teaser davon, dass viele Geflüchtete laut einer Analyse eines Bildungsökonomen eine „miserable Schulbildung“ hätten. 

Die Gegenüberstellung beider Artikel in einer Collage suggeriert, dass Zeit Online sich selbst in den Artikeln inhaltlich widerspreche, beziehungsweise, dass der Artikel über Alice Weidel falsch sei. CORRECTIV hat das überprüft: Die Gegenüberstellung der Artikel führt in die Irre. Sie beziehen sich auf ganz unterschiedliche Daten. 

Aussagen in beiden Artikeln stammen nicht von Zeit Online

Es fängt an mit der Reihenfolge der Artikel in der Collage:. Das Erscheinungsdatum ist darin nicht sichtbar. Da der Text „Wie die AfD mit falschen Zahlen Vorurteile schürt“ links steht, wird suggeriert, er sei älter als „Zwei Drittel können kaum lesen und schreiben“. Tatsächlich erschien der Text über Alice Weidel jedoch 2017 – und das Interview mit dem Bildungsökonomen zwei Jahre vorher, nämlich 2015. Das löst den scheinbaren inhaltlichen Widerspruch aber nicht auf. CORRECTIV hat sich daher den Inhalt der Artikel genauer angeschaut.

Das Interview mit dem Bildungsökonomen Ludger Wößmann ist vom 19. November 2015. Der Titel ist in Anführungsstrichen geschrieben und bezieht sich damit auf ein Zitat Wößmanns über syrische Schüler in dem Interview. Zeit Online selbst stuft die Aussagen des Interviewpartners weder als richtig noch als falsch ein, sondern gibt sie nur wieder. 

Der Artikel über Alice Weidel von 2017 ist ein Gastbeitrag, und zwar von dem Integrationsforscher Herbert Brücker. Bei beiden Texten handelt es sich also nicht um Recherchen der Zeit-Online-Redaktion.

Wößmann bezog sich auf ältere Daten

In dem Interview bezog sich Wößmann unter anderem auf eine Studie zum Thema Grundkompetenzen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2015. Er sagte, dass in Syrien 65 Prozent der Schüler nicht den Sprung über das schafften, was die OECD als „Grundkompetenzen“ definiere. „Das heißt, dass zwei Drittel der Schüler in Syrien nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben können, dass sie nur einfachste Rechenaufgaben lösen können.“

In der OECD-Studie steht tatsächlich (auf Seite 98), dass der Anteil der Schüler in Syrien, die weniger als 420 PISA-Punkte erreichen, 64,6 Prozent sei. 420 PISA-Punkte sind in dieser Studie die Grenze zwischen Level 1 und Level 2. In Deutschland liegt der Anteil der Schüler unter 420 Punkten laut OECD bei 16,1 Prozent (Seite 97). Diese Zahlen beziehen sich auf alle Menschen in Syrien und sagen über den Bildungsstand der Gruppe, die nach Deutschland gekommen ist, nur bedingt etwas aus.

Wößmann bezog sich zudem auf „ältere Zahlen“ der Bundesagentur für Arbeit, die zeigen sollen, dass rund zwei Drittel der Asylbewerber aus Kriegsländern keine berufsqualifizierende Ausbildung hätten. 

Auf unsere Anfrage schrieb uns Wößmann per E-Mail, dass er sich auf den Bericht des Bundesinstituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung „Flüchtlinge und andere Migranten am deutschen Arbeitsmarkt: Der Stand im September 2015“ bezogen habe. 

Dort steht tatsächlich in einer Tabelle (Seite 13, Tabelle 2), dass 71 Prozent der erwerbsfähigen und sozialversicherungspflichtigen Menschen aus Kriegs- und Krisenländern keine abgeschlossene Berufsbildung hätten. Das sind laut der Studie nicht nur Menschen aus Syrien, sondern auch aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia. Insgesamt 22 Prozent hatten keinen Hauptschulabschluss, und 32 Prozent machten keine Angabe zu ihrem Schulabschluss. 

 Alice Weidel bezog sich 2017 jedoch auf ganz andere Daten als die, die Wößmann nannte.

Alice Weidel nannte 2017 als Quelle eine Studie des Bundesinstituts für Berufsausbildung

In dem Gastbeitrag von Herbert Brücker vom 18. September 2017 geht es um eine Aussage von Alice Weidel. Die damalige AfD-Spitzenkandidatin soll im ZDF gesagt haben: „…wenn man sich die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsausbildung anguckt, die sprechen eben eine deutliche Sprache und zwar, dass fast zwei Drittel der arbeitsuchenden Flüchtlinge eben nur nicht mal eine Schulausbildung haben.“ 

Wörtlich konnten wir das Zitat so nicht finden, aber in einem Youtube-Video der ZDF-Sendung „Wie geht’s Deutschland?“ (hier, ab Minute 40:45) vom 5. September 2017 ist zu sehen, dass Alice Weidel sagte, „60 Prozent“ der arbeitsuchenden Flüchtlinge seien laut den Zahlen des BIIB ohne Schulausbildung. 

Die Studie des Bundesinstituts für Berufsausbildung (BIIB) von 2017 ist im Internet nicht mehr zu finden. CORRECTIV hat sie sich daher vom BIIB zuschicken lassen. Darin steht, dass sich der Anteil der „unzureichend Gebildeten“ auf knapp 60 Prozent erhöhe, wenn man diejenigen „ohne Angabe“ zu ihrer Schulausbildung dazu zähle. Dies sei aufgrund fehlender Zeugnisse oder Unvergleichbarkeit der Bildungssysteme nicht unwahrscheinlich, heißt es in der Studie. 

Zahlen zeigen nicht, wie viele arbeitsuchende Geflüchtete keinen Schulabschluss haben 

Herbert Brücker unterzog jedoch diese Aussage einem Faktencheck und urteilte, sie sei falsch. Er schrieb, die BIIB-Studie habe sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bezogen. In dieser Statistik hätten 24 Prozent der befragten arbeitsuchenden Geflüchteten keine Angabe zu ihrer Schulausbildung gemacht. Daraus könne man nicht interpretieren, dass diese gar keinen Schulabschluss hätten. Denn nach dieser Logik müssten auch 23 Prozent der deutschen Erwerbspersonen keinen Schulabschluss haben. Laut Mikrozensus seien das jedoch nur vier Prozent.

Ein Ausschnitt aus dem Zeit Online-Faktencheck von Gastautor Herbert Brücker. (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt aus dem Zeit Online-Faktencheck von Gastautor Herbert Brücker. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die Bundesagentur für Arbeit mit, dass sich Brücker unter anderem auf die Daten der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (Stand Juni 2017) bezogen habe. Dort heißt es in Tabelle 4 „Bestand an arbeitsuchenden und arbeitslosen Personen im Kontext von Fluchtmigration“, dass 490.208 Geflüchtete arbeitsuchend waren. 122.979 davon machten keine Angabe zu ihrem Schulabschluss. Das sind rund 25,1 Prozent (und nicht, wie Brücker schrieb, 24 Prozent).

Brückers Schlussfolgerung war dennoch richtig: Aus diesen Zahlen der Arbeitsagentur kann man nicht schließen, wie viele arbeitsuchende Geflüchtete insgesamt keinen Schulabschluss haben. 

Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Die Aussage, 60 Prozent der arbeitsuchenden Geflüchteten hätten keinen Schulabschluss, ist also tatsächlich unbelegt. 

Andere Studien kommen zudem zu anderen Ergebnissen. Es gibt beispielsweise eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2016, die besagt (Seite 78), dass 61 Prozent der erwachsenen Geflüchteten eine abgeschlossene Schulbildung hätten. 

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Fazit: Der Vergleich der Titel, Teaser und Inhalte zweier Artikel von Zeit Online führt in die Irre. Die Artikel sind in unterschiedlichen Jahren (2015 und 2017) veröffentlicht worden und beziehen sich auf unterschiedliche Studien und Personengruppen. Zudem handelt es sich bei beiden Artikeln um Aussagen einer dritten Person (ein Gastbeitrag und ein Interview) und nicht Recherchen von Zeit Online.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die beiden Artikel von Zeit Online widersprechen sich nicht, der Vergleich ist irreführend.

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Bilder auf Facebook sollen Kannibalismus und Kindesmissbrauch beweisen. (Symbolbild: Unsplash/ Volodymyr Hryschenko)

von Kathrin Wesolowski

In einem Facebook-Video erzählt ein Kind, ein anderes Kind sei gefoltert und gegessen worden. Zudem wurde ein Foto eines Mädchens mit schweren Blutergüssen im Gesicht veröffentlicht. Die Bilder sollen Kannibalismus und Kindesmissbrauch beweisen. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

Ein Kind erzählt weinend und detailliert davon, wie ein anderes Kind grausam getötet und gegessen worden sei. Dieses Video mit ZDF-Logo kursiert auf Facebook. Am 5. Juli wurde es gemeinsam mit einem Foto veröffentlicht, auf dem ein Kind zu sehen ist einmal mit schweren Blutergüssen um die Augen, einmal ohne diese. Auf dem Bild steht: „Diese Augen entstehen bei schwerst gefolterten Kindern“. 

Der Facebook-Beitrag wurde bislang mehr als 1.100 Mal geteilt. Im Text steht unter anderem: „Das kommt jetzt alles an die Öffentlichkeit […] Es geht um weltweiten Menschenhandel, Kindesmissbrauch, satanische Rituale, Kannibalismus!“ Der Beitrag suggeriert also, das Video und das Foto seien Belege, dass es diese Art von Straftaten aktuell in Deutschland gibt. Nach Recherchen von CORRECTIV führt er damit in die Irre.

Das Video und Foto sollen unter anderem Menschenhandel und Kindesmissbrauch beweisen. Diese Behauptung ist größtenteils falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

1. Behauptung: Videoausschnitt beweise Menschenhandel, Kindesmissbrauch, satanische Rituale, Kannibalismus

Das Video aus dem Facebook-Beitrag kursiert aktuell auch auf Youtube (zum Beispiel hier, hier und hier). Es zeigt den Ausschnitt mit dem weinenden Kind (ab Minute 4:45). Die Überschrift dazu lautet unter anderem „Satanismus, Kannibalismus & Menschenopfer in Deutschland“. Ebenso wie in dem Facebook-Beitrag von Anfang Juli wird suggeriert, das Video sei aktuell. 

Auf Anfrage von CORRECTIV teilt das ZDF mit, dass der Videoausschnitt aus einem ZDF-Beitrag des Autors Rainer Fromm stammt. Der Beitrag der Sendung „ZDF.reporter“ wurde bereits am 15. Januar 2003 ausgestrahlt und ist folglich 17 Jahre alt.

„Die Reportage hatte den Schwerpunkt ritualisierte Gewalt in Deutschland“, schreibt das ZDF weiter. Ausgangspunkt der Recherche sei ein Bericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ vom 9. Juni 1998 gewesen. Die Kommission setzte sich aus zwölf Mitgliedern des Deutschen Bundestags zusammen. In dem Endbericht waren zahlreiche Schilderungen von Menschen enthalten, die von ritualisierten Gewaltformen berichteten.

In dem ZDF-Beitrag stufte die behandelnde Therapeutin Dagmar Eckers die Aussagen des Mädchens, das von Kannibalismus an Kindern gesprochen hat, als glaubhaft ein. Das bestätigt  auch das ZDF.

Ein Auszug aus der E-Mail des ZDF an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

ZDF-Beitrag über Kannibalismus ist umstritten

Dennoch war der Fernsehbeitrag umstritten. In dem Beitrag äußerte sich auch an mehreren Stellen (zum Beispiel ab Minute 2) eine damals 34-Jährige zu Kannibalismus, den sie in ihrer Kindheit miterlebt hätte. Die Lokalzeitung Trierischer Volksfreund schrieb im Januar 2004 dazu, die Staatsanwaltschaft habe ein laufendes Verfahren zu dem Fall der Frau eingestellt. Denn an dem Fall sei „überhaupt nichts dran“, zitierte der Volksfreund die Staatsanwaltschaft Trier.

Auf unsere Anfrage schrieb uns die Staatsanwaltschaft Trier, dass dem Verfahren eine Strafanzeige einer Frau zugrunde gelegen habe, „die im Wesentlichen behauptet hatte, jahrelang Opfer von schweren Straftaten im Rahmen satanistischer Handlungen geworden zu sein“. Das Ermittlungsverfahren sei im Dezember 2003 eingestellt worden, da die Vorwürfe nach dem Ergebnis der Ermittlungen haltlos gewesen seien und einer realen Grundlage entbehrt hätten.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail der Staatsanwaltschaft Trier. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Der Videoausschnitt stammt aus einem ZDF-Beitrag zum Thema ritualisierte Gewalt, dieser ist jedoch von 2003. Er wurde in dem Facebook-Beitrag von Juli 2020 also aus dem Kontext gerissen und ist kein Beleg für aktuellen Kindesmissbrauch in Deutschland. Einen Zusammenhang mit Menschenhandel hat das Video ebenfalls nicht. 

2. Behauptung: Blutergüsse an den Augen des Kindes auf dem Foto seien durch schwerste Folter entstanden

Die zwei Fotos eines Mädchens in dem Facebook-Beitrag führen ebenfalls in die Irre. Sie stammen nicht aus Deutschland und haben auch keinen Bezug zu dem ZDF-Video.

Ein YouTube-Video des britischen Fernsehsenders Channel 4 vom 09. Juli 2015 zeigt den Journalisten Jon Snow, wie er ein Mädchen namens Nema im Gazastreifen besucht. Zu sehen ist das Mädchen zunächst gesund und ohne Blutergüsse. Ein Rückblick zeigt das Mädchen dann ein Jahr zuvor mit den Blutergüssen im Gesicht. Das Titelbild des Videos ist identisch zu dem, das auf Facebook im Zusammenhang mit schwerster Folter geteilt wurde.

Das Titelbild des Videos zeigt das gleiche Foto das auf Facebook geteilt wurde. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

Bereits im Juli 2014 hatte Channel-4-Reporter Jon Snow das Mädchen getroffen. Im Bericht von damals heißt es allerdings nicht, dass das Mädchen gefoltert worden sei. Stattdessen seien die Wunden entstanden, als das Kind in ein Artilleriefeuer geriet. 

Fazit: Das Foto des Mädchens mit den Blutergüssen im Gesicht beweist nicht „schwerste Folter“ und stammt auch nicht aus Deutschland. Das Mädchen hat sich Medienberichten zufolge die Verletzungen durch ein Artilleriefeuer in Gaza zugezogen.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben die Bewertung und Teile des Textes sprachlich angepasst, um Missverständnisse zu vermeiden. In der ersten Version dieses Artikels wurde nicht deutlich genug, dass das eingestellte Verfahren der Staatsanwaltschaft sich nicht auf die Aussagen des Kindes in dem ZDF-Video bezog. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Video und Foto wurden aus dem Kontext gerissen. Der ZDF-Beitrag ist von 2003, das Bild des Mädchens stammt aus dem Gazastreifen.

Tourismus auf Mallorca
Dieses Foto von 2018 vom Strand El Arenal in Palma verwendeten einige Medien auf irreführende Weise zur Bebilderung aktueller Berichte über Mallorca. (Symbolfoto: picture alliance/Clara Margais/dpa)

von Kathrin Wesolowski

In den Sozialen Netzwerken kursiert ein Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca. Die Behauptung: Es sei von den Nachrichtenseiten Focus-Online und Welt.de für die aktuelle Berichterstattung über Partys ohne Abstand verwendet worden, obwohl es veraltet ist. Das ist richtig – das Archivbild wurde nicht gekennzeichnet.

Hunderte von Menschen an einem Strand, dutzende von Strandliegen und Schirme aneinandergereiht – ein Foto kursiert gemeinsam mit dem Bild eines leeren Strandes in den Sozialen Netzwerken. Beide sollen den Strand El Arenal auf Mallorca zeigen: Das Bild ohne viele Menschen ist laut Bildunterschrift eine aktuelle Aufnahme der „Live Cam Ballermann“ von Wetter.com. Das andere ist offenbar ein Artikelbild der Nachrichtenseite Focus-Online. In der Bildunterschrift auf Facebook steht zusätzlich die Behauptung: „Die Partys am Strand von Mallorca existieren nicht!“

Mit diesen Fotos beschweren sich Nutzer auf Facebook aktuell über die Berichterstattung über Partys auf Mallorca. Sie sollen zeigen, dass Focus-Online ein veraltetes Bild nutzte. Das ist richtig. (Screenshot: CORRECTIV)

Beiträge mit dem gleichen Screenshot des Focus-Online-Artikels (beispielsweise hier und hier) wurden in den vergangenen Tagen auf Facebook tausendfach geteilt.

Das gleiche Strand-Foto wurde laut einem anderen Facebook-Beitrag auch von Welt.de verwendet. Über dem Bild steht „Diese Bilder schockieren die ganze Insel“.  Der Screenshot stammt offenbar aus einem Messenger-Dienst, wurde am 15. Juli auf Facebook geteilt und mittlerweile mehr als 550 Mal geteilt.

Hier wird das Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca geteilt mit dem Titel „Die Bilder schockieren die ganze Insel“. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Es wird also suggeriert, Focus-Online und Welt.de hätten ein veraltetes Foto verwendet und auf Mallorca habe es keine Partys ohne Abstand am Strand gegeben. CORRECTIV hat diese Behauptung überprüft. Sie ist richtig. Das Foto wurde von Focus-Online und Welt.de in der aktuellen Berichterstattung verwendet, ohne darauf zu verweisen, dass es veraltet ist. 

Foto des überfüllten Mallorca-Strandes entstand wahrscheinlich 2018

Das Foto ist von der DPA und laut der Beschreibung in ihrer Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 . Es wird häufig als Symbolbild für Mallorca-Berichte verwendet. Die Deutsche Welle verwendete es in einem Artikel vom 1. Mai 2020, verwies mit der Bildunterschrift „Von so vollen Stränden wie im Sommer 2018 können die Spanier in diesem Jahr nur träumen“ aber darauf, dass es bereits 2018 entstanden ist. Zudem war es nicht das Titelbild des Artikels.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Der Weser-Kurier nutzte das Foto beispielsweise als Titelbild in einem Artikel vom 4. Oktober 2019. Und die Sächsische Zeitung nutzte das Foto bereits in einem Artikel vom 22. September 2019 und schrieb dazu, es sei ein „Symbolbild“. 

Aktuelle Live-Fotos des Strandes El Arenal auf Mallorca zeigen Strände ohne Liegen und Schirme

Wetter.com zeigt mit seiner Live-Webcam aktuelle Bilder des Strandes El Arenal. Auf diesen ist zu sehen, dass es derzeit keine Strandliegen und Schirme dort gibt.

Live-Bilder des Strandes El Arenal auf Mallorca (Stand 22. Juli 2020, 9:18 Uhr). (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot: CORRECTIV)

Dass an dem Mallorca-Strand illegale Massenpartys stattfanden, wurde weder in dem Artikel von Focus-Online noch in dem Artikel von Welt.de behauptet. Die Verwendung des veralteten Fotos als Titelbild suggeriert das allerdings.

Focus-Online und Welt.de verweisen nicht auf Entstehungsdatum des Mallorca-Fotos

In dem Focus-Online-Artikel vom 19. Juni 2020 mit dem Titel „Für Malle-Urlaub werden Corona-Regeln ignoriert – doch ganze Branche blutet gerade aus“ verwendet die Nachrichtenseite das Foto mit dem überfüllten Strand. Es handelt sich nicht um einen Bericht über Partys auf Mallorca, sondern um einen Meinungsbeitrag des Gastautors Jörg Heynkes, der Event-Unternehmer ist. Er greift allerdings die Verstöße gegen die Corona-Regeln auf. Die Bildunterschrift bei Focus-Online lautet „Strand von El Arenal auf der Balearen-Insel Mallorca“. Dabei wird nicht auf das Entstehungsdatum verwiesen. 

Focus-Online verweist in unter seinem Artikelbild nicht auf das Entstehungsdatum des Fotos. (Screenshot: CORRECTIV)

Welt.de verwendet das Foto des Strandes als Titelbild eines Artikels auf Facebook vom 12. Juli über die Feiern auf Mallorca. Darüber steht tatsächlich „Diese Bilder schockieren die ganze Insel“.

Auch Welt.de nutzt das Archivfoto für die aktuelle Berichterstattung, ohne auf das Entstehungsdatum hinzuweisen. (Quelle. Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

In demselben Welt.de-Artikel ist ein Video über die Partys in Mallorca zu sehen mit dem gleichen Foto als Titelbild. Beide Male wird nicht auf das Entstehungsdatum hingewiesen. Im Text zu dem Video steht unter anderem: „Im dichten Gedränge sollen Hunderte Urlauber aus Deutschland am Ballermann gefeiert haben“. Gemeinsam mit dem Foto suggeriert Welt.de, dass die Partys am Strand stattgefunden hätten.

Welt.de nutzt das alte Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca als Titelbild eines Videos über die aktuellen Geschehnisse. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gab Verstöße gegen die Corona-Regeln auf Mallorca – die Partys fanden nicht am Strand statt, sondern in der „Bierstraße“

Wie wir in einem anderen Faktencheck überprüften, gab es Partys ohne Abstand auf Mallorca – und zwar von der Nacht des 10. Juli auf den 11. Juli 2020. Diese Feiern fanden aber nicht am Strand, sondern in der sogenannten „Bierstraße“ statt. An diesem Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Welt.de griff dafür aber auf das veraltete Foto von 2018 zurück.

Unsere Bewertung:
Richtig. Focus-Online und Welt.de verwendeten ein veraltetes Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca für die aktuelle Berichterstattung, ohne dies kenntlich zu machen.

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Der Lagebericht des RKI macht nicht klar, dass vom Coronavirus für die deutsche Bevölkerung keine Gefahr ausgeht. (Symbolbild: Pixabay / Daniel Roberts)

von Kathrin Wesolowski

In einem Online-Artikel wird behauptet, ein Lagebericht des Robert-Koch-Instituts mache deutlich, dass Covid-19 keine Gefahr darstelle. Das RKI habe bestätigt, dass die Sterblichkeitsrate in Deutschland 0,01 Prozent betrage. Die Behauptung ist falsch.

In den Sozialen Netzwerken kursiert ein Artikel des Blogs Corona Transition mit dem Titel „RKI bestätigt Covid-19 Sterblichkeitsrate von 0,01 Prozent in Deutschland“. Darin wird behauptet, der Lagebericht vom 24. Juni des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeige, dass Covid-19 keine Gefahr darstelle. 

Der Artikel wurde am 26. Juni veröffentlicht und laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 650 Mal auf Facebook geteilt. In dem Artikel wird suggeriert, der Lagebericht des RKI stelle die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen der Regierung gegen die Verbreitung von Covid-19 infrage. CORRECTIV hat die Behauptungen überprüft: Sie sind falsch. Das RKI hat keine Sterblichkeitsrate für Covid-19 berechnet und dies ist aktuell auch nicht möglich.

Angebliche Sterblichkeitsrate mit Covid-19 führt in die Irre

In dem täglichen Lagebericht des RKI wird die aktuelle Lage der Corona-Infektionen in Deutschland zusammengefasst und mitgeteilt. Der Artikel bezieht sich auf den Lagebericht vom 24. Juni, in dem 8.914 bestätigte Todesfälle mit Covid-19 verkündet wurden. „Bei 83 Millionen Einwohnern beträgt somit die absolute Sterblichkeitsrate seit Ausbruch der Coronakrise bis heute in Deutschland 0,01 Prozent“, heißt es dazu in dem Artikel. 

Diese Prozentzahl ist tatsächlich das Ergebnis, wenn man die bestätigte Zahl der Todesfälle durch die ungefähre Bevölkerungszahl in Deutschland dividiert, die laut Statistischem Bundesamt bei 83,2 Millionen Menschen liegt. Diese Rechnung hat das RKI in seinem Lagebericht aber nicht durchgeführt und sie ist auch irreführend. 

Die Sterblichkeitsrate auf diese Weise zu berechnen, würde nur Sinn ergeben, wenn sich 83,2 Millionen Menschen in Deutschland mit dem SARS-CoV-2 infiziert hätten (oder an Covid-19 erkrankt wären) und davon 0,01 Prozent gestorben wären. 

Zahl der tatsächlich an Covid-19 erkrankten Menschen ist unbekannt

Laut dem Lagebericht gab es am 24. Juni 191.449 bestätigte Infektionsfälle in Deutschland. Bisher ist aber nicht genau festzustellen, wie viele Menschen sich wirklich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben. Das RKI schreibt auf seiner Webseite, aktuell liege der Fall-Verstorbenen-Anteil – also das Verhältnis der Todesfälle zu den gemeldeten Infektionsfällen – in Deutschland bei 4,7 Prozent. 

Zur Letalität – also zu der Anzahl der Verstorbenen im Verhältnis zu den tatsächlich Erkrankten beziehungsweise der Wahrscheinlichkeit, an einer Krankheit zu sterben – gibt es jedoch bisher keine verlässlichen Daten, „weil die tatsächliche Anzahl erkrankter Menschen unbekannt ist und möglicherweise deutlich höher liegt als die Zahl der gemeldeten Erkrankungsfälle“, so das RKI.

Das liegt unter anderem daran, dass es wie Studien zeigen   Infizierte gibt, die keine Symptome zeigen. Eine australische Studie im Preprint vom 4. Juni analysierte beispielsweise 998 Artikel inklusive Studien, in denen insgesamt 21.035 Risikopatienten aus sechs Ländern auf Covid-19 getestet wurden. Der Anteil der asymptomatischen Fälle lag darin zwischen vier und 41 Prozent. Der Durchschnitt der Risikopatienten, die infiziert waren, aber keine Symptome hatten, lag laut der Studie bei 15 Prozent. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Robert-Koch-Institut bestätigte nicht eine Covid-19- Sterblichkeitsrate von 0,01 Prozent in Deutschland.

Dieses Foto kursiert auf Facebook und soll angeblich Ende Juni entstanden sein. Das ist falsch. Es wurde bereits im Januar aufgenommen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook kursiert ein Foto, auf dem Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron sich die Hände schütteln und keinen Sicherheitsabstand einhalten. Laut der Bildunterschrift soll das Foto sei am 29. Juni entstanden sein. Das ist falsch.

Auf Facebook kursiert ein Foto mit dem Text „Heute am 29.06.2020“, auf dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron sich die Hände schütteln. „Hallo Herr Macron! Erst mal Hände schütteln und 1,5 Meter Abstand und Masken sind nur was für Sklaven“, steht ebenfalls in der Bildunterschrift. 

Das Bild wurde am 30. Juni auf Facebook gepostet und mehr als 550 Mal geteilt. CORRECTIV hat es überprüft: Das Foto wurde nicht am 29. Juni aufgenommen, sondern bereits am 19. Januar 2020. Damals gab es noch keine Kontaktbeschränkungen gegen die Verbreitung der Corona-Pandemie. Am 27. Januar wurde bekannt gemacht, dass sich eine erste Person in Deutschland mit Covid-19 infiziert hatte. Am 17. März rief Gesundheitsminister Jens Spahn die Bevölkerung dazu auf, soziale Kontakte so weit wie möglich einzuschränken.

Foto wurde im Januar für die DPA aufgenommen

Wie die Faktenchecker der Deutschen Presse-Agentur (DPA) bereits überprüften, wurde das Foto am 19. Januar vor dem Bundeskanzleramt in Berlin von dem Fotografen Kay Nietfeld für die DPA aufgenommen. Damals trafen sich die Regierungschefs Angela Merkel und Emmanuel Macron zum Anlass der Libyen-Konferenz. 

Ein Video der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19. Januar und Bilder in der Medienberichterstattung (beispielsweise hier und hier) des gleichen Treffens, ebenfalls von Kay Nietfeld aufgenommen, beweisen dies zusätzlich.

Medien nutzten Bilder des Treffens als Archivmaterial für die Berichterstattung im Juni

Am 29. Juni – dem Datum, das auf dem Facebook-Bild angegeben wird – trafen sich Merkel und Macron tatsächlich ebenfalls. Dieses Treffen fand laut der Webseite der Bundeskanzlerin sowie Medienberichten (hier und hier) aber im Schloss Meseberg in Brandenburg statt, nicht in Berlin. Merkel trug dort zudem keinen blauen Blazer, wie er auf dem Bild von Januar zu sehen ist, sondern einen beigen. 

In der Berichterstattung zu dem Treffen am 29. Juni wurde jedoch teilweise das Foto von dem Treffen der Regierungschefs im Januar verwendet. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland verwendete es beispielsweise als Titelbild in einem Artikel vom 29. Juni, in dem das Treffen für den Nachmittag angekündigt wurde. Es stand zu diesem Zeitpunkt also noch kein aktuelles Foto des Termins zur Verfügung. Klickt man jedoch nicht extra auf den Pfeil links unten auf dem Bild, kann man nicht die Bildunterschrift dazu lesen und erfährt daher nicht, dass das Foto ein Treffen im Januar zeigt. Dadurch könnte es zu Missverständnissen in Bezug auf das Entstehungsdatum gekommen sein.

Ausschnitt des Artikels des RND zum Treffen von Merkel und Macron am 29. Juni – mit dem Foto von Januar. (Screenshot: CORRECTIV)

Bewertung: Falsch. Das Foto von Angela Merkel und Emmanuel Macron wurde nicht im Juni, sondern bereits im Januar 2020 aufgenommen.

Unsere Bewertung:
Bewertung: Falsch. Das Foto von Angela Merkel und Emmanuel Macron wurde nicht im Juni, sondern bereits im Januar 2020 aufgenommen.

Dieser Aushang, dessen Foto in Sozialen Netzwerken verbreitet wird, stammt nicht von Aldi Süd. (Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf einem Aushang mit dem Aldi-Süd-Logo steht, 80 Prozent aller Pandemien hätten ihren Ursprung in der Tierindustrie. Deswegen solle man beim Einkauf auf tierische Produkte verzichten. Der Aushang ist eine Fälschung – die Behauptungen darauf sind aber teilweise richtig.

„Wir bitten Sie (…), auf tierische Produkte zu verzichten“ steht auf einem Aushang mit dem Aldi-Süd-Logo, von dem ein Foto in Sozialen Netzwerken kursiert. In dem Text darunter wird behauptet, 80 Prozent aller Pandemien hätten ihren Ursprung in der Tierindustrie. Zudem begünstige der Konsum von Fleisch, Milch und Eiern Pandemien. 

Aushang stammt nicht von Aldi Süd 

Das Foto wurde am 1. Juli auf Facebook veröffentlicht und mittlerweile rund 600 Mal auf Facebook geteilt. Der Aushang ist nach Recherchen von CORRECTIV gefälscht, die Behauptungen darauf sind jedoch teils richtig, teils falsch und teils unbelegt. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Aktion von Tierschützern.

Ein Foto auf Facebook zeigt einen angeblichen Aushang von Aldi Süd – dieser stammt aber wahrscheinlich von Tierschutz-Aktivisten. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Auf unsere Anfrage schrieb uns die Pressestelle von Aldi Süd: „Wir können Ihnen mitteilen, dass dieses Schreiben nicht von ALDI SÜD stammt.“ 

CORRECTIV hat jedoch zusätzlich auch die Behauptungen auf dem Aushang inhaltlich überprüft.

1. Behauptung: 80 Prozent aller Pandemien haben einen Ursprung in der Tierindustrie

Auf unsere Anfrage schrieb das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, dass diese Behauptung falsch sei. Das FLI verwies zudem auf die Webseite der World Organisation for Animal Health (OIE). Dort heißt es, dass 60 Prozent der existierenden menschlichen Infektionskrankheiten zoonotisch seien – also vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden können. Dabei wird allerdings nicht differenziert, ob es sich um Haus- oder Wildtiere handelt.

Zudem sind laut OIE 75 Prozent der neu auftretenden Infektionserreger, wie beispielsweise Ebola, HIV oder Influenza, auf das Tierreich zurückzuführen. Laut FLI verursachen diese Erreger jedoch nicht alle Pandemien.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Friedrich-Löffler-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf unsere Anfrage schrieb uns das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), dass zum Beispiel die Ebola-Epidemie in Westafrika keine Verbindung zu Nutztierhaltung gehabt habe. Wenn die Übertragung von Krankheiten durch Stechmücken oder Zecken eine Rolle spiele, seien vorrangig die Kontaktmöglichkeiten mit diesen Tieren von Bedeutung.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Die erste bekannte Ebola-Infektion fand mutmaßlich durch eine Übertragung von Fledermäusen auf den Menschen statt. Ein zweijähriger Junge soll sich beim Spielen oder der Jagd auf Fledermäuse angesteckt haben. 

Covid-19 hat seinen Ursprung vermutlich in Wildtieren

Laut der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen hat das neue Coronavirus, das die Krankheit Covid-19 auslöst, vermutlich seinen Ursprung in Wildtieren und ist damit zoonotisch. Der genaue Ursprung ist noch nicht bekannt, er wird aber ebenfalls bei Fledermäusen vermutet.

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Eine genaue Zahl, wie viele zoonotische Infektionskrankheiten Pandemien auslösen, konnten wir bei der Recherche nicht finden. Zudem müsste auch hier unterschieden werden, ob es sich um Krankheiten handelt, die ihren Ursprung in Tieren aus der Tierindustrie haben, oder in freilebenden Tieren.

Fazit: Es gibt keine Belege dafür, dass 80 Prozent aller Pandemien ihren Ursprung in der Tierindustrie haben.

2. Behauptung: Epidemien werden durch die steigende Anzahl der Nutztiere begünstigt

Deswegen würde die Wahrscheinlichkeit künftiger Pandemien verringert, wenn man auf tierische Produkte verzichte, heißt es auf dem Foto.

So allgemein formuliert deckt sich diese Aussage mit einer aktuellen Auswertung des United Nations Environment Program (UNEP) und des International Livestock Research Institute (ILRI). Sie schreiben in dem Bericht  „Preventing the next pandemic“ (Seite 25), dass schnelle Veränderungen in der Landwirtschaft ohne ausreichende Sicherheitsmaßnahmen Ausbrüche von tierischen Coronaviren begünstigen könnten. 

Als Beispiel wird das Virus der Infektiösen Bronchitis der Hühner genannt, das mit der Intensivierung der Geflügelhaltung in den USA nach dem ersten Weltkrieg (mehr Stress und mehr Kontakt) und neuen Zuchttechniken (weniger genetische Vielfalt) aufgetaucht sei. Dieses Geflügel-Coronavirus überträgt sich jedoch bisher nicht auf Menschen.

Ein Ausschnitt aus dem Bericht der UNEP. (Screenshot: CORRECTIV)

Grundsätzlich seien der gestiegene Fleischkonsum, nicht-nachhaltige Landwirtschaft sowie die Ausbeutung von Wildtieren und ihres Lebensraumes jedoch begünstigende Faktoren für Krankheiten, schreiben die Autoren des UNEP-Berichts (Seite 7). 

Es sei möglich, dass auch die Krankheitserreger SARS-CoV und SARS-CoV-2 mit gestiegenem Konsum von Wildtierfleisch und dessen Handel in Ostasien in Verbindung gebracht werden können (Seite 25). „Das Risiko einer Krankheitsübertragung in Wildtierfarmen ist signifikant, und es sind weitere Anstrengungen zur Risikominderung erforderlich.“ Das liegt dem Bericht zufolge (Seite 33) beispielsweise daran, dass der enge Kontakt zwischen Menschen und verschiedenen Spezies die Virusübertragung von Tier zu Mensch fördern könne. 

Dies könne Krankheitsereignisse mit einem höheren Pandemie-Potenzial fördern, „da sich diese Viren eher über die Übertragung von Mensch zu Mensch vermehren und sich somit weit verbreiten“, heißt es in dem Bericht weiter.

In einem Bericht, u.a. des UN Environment Program steht, dass erhöhter Kontakt zu Wildtieren die Verbreitung von Krankheiten fördern kann. (Screenshot: CORRECTIV)

Zudem gebe es die Sorge, dass Wildtierfarmer nicht ausreichend für Biosicherheit sorgen. Als Biosicherheit werden laut Cambridge Dictionary Methoden bezeichnet, die eine Verbreitung von Krankheiten oder Infektionen, beispielsweise von einem Menschen oder einem Tier, stoppen sollen. In der Schweine- und Hühnerzucht ist eine Methode der Biosicherheit in Deutschland beispielsweise, dass Viehhändler nicht mit den Tieren in Kontakt kommen, also den Bestand nicht betreten. 

Geringe Biosicherheit begünstigt Ausbruch zoonotischer Krankheiten

In dem Bericht der UNEP wird die Sorge geäußert (Seite 25), dass Wildtierfarmer Tiere illegaler Viehzucht als „legal gehaltene“ Tiere verkaufen. Das und die geringe Biosicherheit würden das Risiko zoonotischer Krankheitsausbrüche vergrößern.

Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens
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Fazit: Größtenteils richtig. Epidemien können laut einem aktuellen Bericht der UN unter bestimmten Voraussetzungen durch intensive Nutztierhaltung und -zucht begünstigt werden. Zudem steige das Risiko mit erhöhtem Kontakt zu Wildtieren, die zum Beispiel in Asien ebenfalls gezüchtet würden. Hier gilt allerdings, dass eingehaltene Biosicherheit und Gesetze die Viehzucht regulieren und sicherer machen sollen.

3. Behauptung: Fleisch-, Milch- und Eierkonsum begünstigt Pandemien

Dieser pauschalen Behauptung fehlt wesentlicher Kontext. Es kommt darauf an, unter welchen Bedingungen die tierischen Produkte hergestellt werden, die konsumiert werden. 

Krankheitsausbrüche durch Tierhaltung und damit auch indirekt durch den Konsum tierischer Produkte, werden dem UNEP-Bericht zufolge (Seite 16) vor allem durch eine geringe Biosicherheit und schlechte Hygiene-Bedingungen gefördert. Die Autoren beziehen sich dabei vor allem auf traditionelle Märkte und Wildtier-Märkte und schlecht kontrollierte Tierhaltung. Aber auch industrielle Fleischverarbeitung könne zur Verbreitung von Krankheiten beitragen – ein Beispiel seien die Covid-19-Ausbrüche (Übertragung von Mensch zu Mensch) in großen Schlachthöfen.

Fazit: Teilweise falsch. Der Konsum von Milch, Eiern oder Fleisch ist nicht pauschal problematisch. Laut dem UNEP-Bericht begünstigt der Konsum tierischer Produkte nur Pandemien, wenn die Tierhaltung oder Fleischverarbeitung niedrige Standards hat.

Unsere Bewertung:
Unsere Bewertung: Teilweise falsch. Der Aushang ist eine Fälschung. Die Behauptungen darauf sind teils richtig, teils irreführend.

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Auch wenn ein Radweg vorhanden ist, müssen Fahrradfahrer diesen nicht immer nutzen. (Symbolbild: Pixabay)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook wird behauptet, es sei strafbar, wenn Fahrradfahrer auf der Straße fahren und nebeneinander fahren, obwohl ein Radweg vorhanden ist. Die Behauptung ist teilweise falsch. Fahrradfahrer müssen Radwege nur nutzen, wenn es durch Verkehrsschilder angeordnet wird. Ob es diese gibt, ist im Facebook-Beitrag nicht ersichtlich.

Auf Facebook kursiert ein Foto, das zwei Radfahrer zeigt, die nebeneinander auf der Straße fahren. Daneben steht: „Nennt sich Behinderung und ist strafbar“. Ein Pfeil mit dem Wort „Radweg“ zeigt dabei zudem an, dass sich neben der Straße ein Fahrradweg befindet. Der Beitrag suggeriert, es sei strafbar, auf der Straße Fahrrad zu fahren, wenn eigentlich ein Radweg vorhanden ist.

Das Foto wurde am 5. Juli veröffentlicht und bisher mehr als 3.600 Mal geteilt. CORRECTIV hat die Behauptung überprüft. Sie ist so pauschal nicht ganz richtig, denn es hängt von der Verkehrsbeschilderung und der Situation ab, ob die Nutzung von Radwegen gesetzlich verpflichtend ist und Radfahrer nebeneinander fahren dürfen. 

Ob Fahrradfahren auf der Straße erlaubt ist, hängt vom Verkehrsschild ab

Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass es strafbar sei, wenn Fahrradfahrer nicht den Radweg nutzen – doch so einfach ist es nicht. (Screenshot und Schwärzungen: Facebook)

Die Straßenverkehrsordnung (§ 2 Absatz 4) besagt: „Eine Pflicht, Radwege in der jeweiligen Fahrtrichtung zu benutzen, besteht nur, wenn dies durch Zeichen 237, 240 oder 241 angeordnet ist.“ Dies sind beispielsweise die blauen Verkehrsschilder mit weißem Fahrradsymbol und die Verkehrsschilder, die ein Fahrradsymbol sowie das Fußgängersymbol aufweisen. 

Wenn ein Radweg mit diesen Schildern gekennzeichnet ist, ist das Benutzen des Weges für Fahrradfahrer Pflicht. (Screenshot: CORRECTIV / Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrat)

Eine Pflicht, auf Radwegen zu fahren, besteht also nur, wenn sie durch Verkehrszeichen (Zeichen 237, 240 oder 241) angeordnet ist. Ein Verstoß wird mit einem Bußgeld geahndet. Es handelt sich folglich um eine Ordnungswidrigkeit.

Ob solche Schilder an der Straße, die auf Facebook gezeigt wird, vorhanden sind, ist unklar, da im Beitrag kein Ort angegeben wurde. 

Nebeneinanderfahren nicht gestattet, wenn andere Verkehrsteilnehmer behindert werden

Die beiden Radfahrer im Facebook-Beitrag fahren zusätzlich nebeneinander. Bislang hieß es in der Straßenverkehrs: „Mit Fahrrädern muss einzeln hintereinander gefahren werden; nebeneinander darf nur gefahren werden, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird.“

Doch am 15. Mai verkündete das Bundesverkehrsministerium im Rahmen einer StVO-Novelle, dass das Nebeneinanderfahren ab sofort grundsätzlich gestattet sei. Das Bundesverkehrsministerium schrieb dazu: „Durch eine Neufassung der bestehenden Regelung wird klargestellt, dass das Nebeneinanderfahren von Radfahrenden grundsätzlich gestattet ist. Lediglich wenn andere Verkehrsteilnehmende behindert werden, muss hintereinander gefahren werden.“ Allerdings wurde die Novelle von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer Anfang Juli aufgrund eines Formfehlers für nichtig erklärt.

Die genaue Rechtslage zum Nebeneinanderfahren ist folglich derzeit unklar. Fest steht: Es ist dann nicht erlaubt, wenn damit andere Verkehrsteilnehmer behindert werden.

Update, 13. Juli 2020: Wir haben die Bewertung geändert, weil Fahrradfahrer Radwege nur nutzen müssen, wenn es durch entsprechende Verkehrsschilder angeordnet ist. Im Facebook-Beitrag fehlt Kontext, ob die Beschilderung vorhanden ist oder nicht. Wir haben klargestellt, dass das Nicht-Fahren auf dem Radweg eine Ordnungswidrigkeit ist und dass die Rechtslage zum Nebeneinanderfahren seit 15. Mai 2020 unklarer ist.

Unsere Bewertung:
Unsere Bewertung: Teilweise falsch. Fahrradfahrer müssen Radwege nur nutzen, wenn es durch Verkehrsschilder angeordnet wird.

Dieses Foto von Angela Merkel mit Mundschutz kursiert auf Facebook. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook kursiert ein Foto von Angela Merkel mit Mundschutz. Der Nutzer, der es hochgeladen hatte, suggeriert, dass die Maske ins Bild „gephotoshopt“ wurde, weil der untere Gummi fehle. Das stimmt nicht – das Foto ist lediglich unscharf.

Auf Facebook kursiert ein Foto, das Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Mund-Nasen-Bedeckung zeigt. Dazu schreibt ein Facebook-Nutzer: „Photoshop lässt grüßen. Sie sind noch zu blöde, um uns richtig zu bescheissen. Wo ist der untere Gummi?“ Damit wird impliziert, der Mundschutz sei nachträglich ins Bild montiert worden und dass Merkel eigentlich keinen trage. 

Der Artikel wurde am 3. Juli 2020 veröffentlicht und bisher fast 2.400 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV hat die Behauptung überprüft. Sie ist falsch, denn anhand weiterer Originalfotos der Situation ist zu erkennen, dass Merkel zu diesem Zeitpunkt durchaus einen Mundschutz trug – und auch der untere Gummi richtig saß.

Andere Fotos zeigen: Merkel trug Maske mit normal sitzendem Gummi

Dieses Foto von Angela Merkel mit Mundschutz kursiert auf Facebook. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Am oberen Bildrand des Fotos ist zu sehen, dass der Screenshot von einem Artikel der Nachrichtenseite RP Online stammt. Das Foto von Merkel ist das Titelbild eines Artikels vom 3. Juli 2020. An diesem Tag hatte Angela Merkel eine Rede vor dem Bundesrat gehalten. Aufgrund des gewählten Foto-Ausschnitts und der schwachen Qualität ist auf dem Artikel-Foto der untere Teil des Gummis des Mundschutzes nicht zu erkennen.

 

Das Foto wurde laut der Bildunterschrift von dem Fotografen Wolfgang Kumm für die DPA aufgenommen. Wie auf einem anderen Foto des Fotografen vom selben Tag zu sehen ist, befindet sich an dem Mund-Nasen-Schutz der Bundeskanzlerin ein Gummi, das um das Ohr herum befestigt wird. Auch Pressebilder des Bundesrats sowie ein offizielles Foto der Bundeskanzlerin zeigen das Gummi.

Fazit: Das Foto von Angela Merkel ist unscharf. So wirkt es,, als sei der untere Gummi der Mundschutzmaske nicht vorhanden.. Die Bundeskanzlerin trug am 3. Juli aber einen Mund-Nasen-Schutz mit einem oben und unten an der Maske befestigten Gummi – er wurde nicht nachträglich ins Bild montiert oder „gephotoshopt“.

 

Unsere Bewertung:
Unsere Bewertung: Falsch. Das Foto von Merkel ist unscharf – sie trug an diesem Tag aber eine Maske mit normal sitzendem Gummi.

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Die US-Regierung hat nicht bestätigt, dass Impfungen zu Autismus führen können. (Symbolbild: Karolina Grabowska/Pexels)

von Kathrin Wesolowski

Im Netz wird immer wieder behauptet, Impfstoffe führten zu Autismus und psychischen Schäden. In einem Artikel, der aktuell wieder auf Facebook geteilt wird, heißt es, die US-Regierung habe diesen Zusammenhang schon vor Jahren bestätigt. Die Behauptungen darin sind jedoch größtenteils falsch.

In den Sozialen Netzwerken wird ein Artikel des Blogs Bewusst-Vegan-Froh geteilt. Der Titel lautet: Regierung gibt zu: Impfungen verursachen Autismus und schwere körperliche/psychische Schäden”. Dabei bezieht sich der Text auf die US-Regierung. Der Artikel wurde bereits am 6. Februar 2018 veröffentlicht, wurde von der Facebook-Seite des Blogs aber im Juni 2020 wieder verbreitet. Die Debatte um Impfungen wird aktuell wegen eines potenziellen Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus wieder laut.

Mittlerweile wurde der Text von Bewusst-Vegan-Froh laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 20.600 Mal auf Facebook geteilt. Das Datum 2018 ist im Beitrag selbst nicht zu sehen.

In dem Artikel wird auf zwei Artikel der US-amerikanischen Online-Zeitung Huffington Post verwiesen. Diese Artikel wurden von der Huffington Post jedoch „im Interesse der öffentlichen Gesundheit“ gelöscht mit dem Hinweis darauf, dass die Texte von Lesern geschrieben worden seien, die ihre eigene Meinung ausgedrückt hätten. Die dort genannten Einzelfälle wurden vor einem US-Gericht verhandelt. 

Ausschnitt aus der Erklärung auf der Webseite der Huffington Post, warum die Artikel gelöscht wurden. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Artikel werden mehrere Behauptungen aufgestellt. Wir haben drei davon überprüft. Das Ergebnis unserer Recherche: Die Behauptungen sind größtenteils falsch und führen in die Irre. Ein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus wurde nie nachgewiesen. Die US-Regierung hat also auch nie etwas derartiges „zugegeben“.

1. Behauptung: Das US-amerikanische Vaccine Injury Compensation Program und der US Court of Federal Claims räumten ein, dass Impfungen Autismus verursachen

Der US Court of Federal Claims (USCFC) habe eingeräumt, dass Impfstoffe mit dem quecksilberhaltigen Konservierungsstoff Thiomersal Autismus verursachten, behauptet Bewusst-Vegan-Froh

Laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI), dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, verhindert Thiomersal die Verkeimung der Impfstoffe und verringert damit das Risiko einer bakteriellen Infektion. Es wird aber kaum mehr verwendet. „Für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen sind inzwischen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar“, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) auf seiner Webseite (Punkt 14). 

Auf der Webseite des PEI wird darauf hingewiesen, dass ein Zusammenhang zwischen Autismus und Thiomersal von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Institute of Medicine in den USA und der European Medicines Agency (EMEA) untersucht worden sei. Das Ergebnis: „Die epidemiologischen Daten sprechen gegen einen Zusammenhang zwischen Thiomersal in Kinderimpfstoffen und Autismus.“ 

Wie wir bereits in einem Faktencheck überprüften, ist eine geringe Menge von Thiomersal beziehungsweise Ethyl-Quecksilber in Impfstoffen laut RKI und PEI zudem grundsätzlich unbedenklich. Die Weltgesundheitsorganisation schreibt auf ihrer Webseite, dass es keine Belege für eine Toxizität bei Kindern oder Erwachsenen gebe, die Thiomersal in Impfstoffen ausgesetzt waren. 

US-Behörde hat nach eigenen Angaben nie Zusammenhang eingeräumt 

Auch die Organisation Health Resources and Services Administration (HRSA), eine Zweigstelle der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde, zu der das Vaccine Injury Compensation Program (VICP) gehört, schrieb uns per E-Mail: Es gibt keinen glaubwürdigen wissenschaftlichen Beleg für eine Kausalität zwischen Impfungen und Autismus.” Das VICP habe eine solche Verbindung auch nie eingeräumt.

Ausschnitt aus der E-Mail der Health Resources and Services Administration. (Screenshot: CORRECTIV)

Die US-amerikanische Regierung habe zudem noch nie eine Entschädigung auf Grundlage dessen bezahlt, dass eine Impfung angeblich Autismus verursacht habe.

Gericht sieht keine wissenschaftlich erwiesene Verbindung zwischen Thiomersal und Autismus

Die HRSA schrieb zudem, dass in den frühen 2000ern Tausende von Petitionen an das VICP eingereicht wurden, die eine Verbindung zwischen Impfungen und Autismus suggerierten. Diese hätten sich auf eine Publikation des britischen Arztes Andrew Wakefield bezogen, der von der britischen Ärztekammer ein Berufsverbot bekommen hat

Dennoch sei der US Court of Federal Claims (USCFC) auf die Petitionen eingegangen und habe ein fünfjähriges Verfahren eingeleitet, die sogenannten Omnibus Autism Proceedings. Nach Anhörungen und dem Anfertigen von Dokumenten mit 218.000 Seiten habe das Gericht bestätigt, dass es keinen glaubwürdigen Beweis dafür gebe, dass eine Masern-Mumps-Röteln-Impfung in Kombination mit Impfungen mit Thiomersal, oder letztere allein, Autismus verursachen könnten. In dem neuesten Dokument (PDF, Seite 4) von Ende November 2011 des USCFC zu den Omnibus Autism Proceedings ist dies auch zu lesen.

Ausschnitt aus der E-Mail der Health Resources and Services Administration. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptung ist falsch. Weder das Vaccine Injury Compensation Program noch der US Court of Federal Claims haben eingeräumt, dass Impfen Autismus hervorruft. Das ist auch gar nicht nötig. Epidemiologischen Daten sprechen gegen einen Zusammenhang zwischen dem Stoff Thiomersal in Kinderimpfstoffen und Autismus. 

2. Behauptung: Eine Mumps-Masern-Röteln-Impfung löste bei einem Jungen unter anderem eine Gehirnentzündung und Autismus aus

Laut dem Artikel auf Bewusst-Vegan-Froh trat nach einer Mumps-Masern-Röteln-Impfung (MMR-Impfung) bei einem Jungen namens Ryan eine Enzephalitis, eine Gehirn- und Rückenmarksentzündung, auf. Die Familie klagte dem Artikel zufolge vor dem US-Gericht United States Court of Federal Claims (USCFC). Ihr Sohn habe zwischen 2003 und 2005 nach mehreren Impfungen neurologische Dysfunktionen, Asthma und eine Autismus-Spektrum-Störung entwickelt. In dem Artikel wird behauptet, das Gericht habe das bestätigt und die Familie eine Millionen-Dollar-Entschädigung erhalten.

Wie unsere Faktencheck-Kollegen der AFP bereits in einem Faktencheck überprüften, ist diese Behauptung größtenteils falsch. In den Behauptungen geht es mutmaßlich um einen Jungen mit dem Namen Ryan Mojabi.

Das US-Gericht United States Court of Federal Claims (USCFC) bestätigte, dass eine MMR-Impfung eine Enzephalitis bei Ryan Mojabi hervorgerufen habe. Deswegen sollte die Familie eine Entschädigung von fast einer Million Dollar erhalten. Eine Verbindung zwischen den Impfungen und Autismus oder Asthma wurde jedoch nicht bestätigt.

Auszug aus dem Gerichtsurteil des US Court of Federal Claims zu dem Fall Ryan Mojabi. (Screenshot: CORRECTIV)

Laut den US Centers for Disease Control and Prevention ist eine Gehirnentzündung eine mögliche, aber sehr seltene Nebenwirkung einer MMR-Impfung. In einer Studie des österreichischen Bundesministerium für Gesundheit und des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Universität Wien steht, dass das Risiko einer Enzephalitis nach einer Masernimpfung bei 1:1.000.000 liege. Das Risiko einer Enzephalitis durch Masern selbst liege dagegen bei 1:1.000. Auch das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner Webseite, dass sich bei einem von 1.000 Kindern, die an Masern erkranken, eine Enzephalitis entwickele.  

Fazit: Die Behauptung von Bewusst-Vegan-Froh, ein Junge namens Ryan habe nach Impfungen eine Autismus-Spektrum-Störung entwickelt, ist unbelegt. Es handelt sich mutmaßlich um Ryan Mojabi. In dessen Fall hat das US-Gericht den Zusammenhang jedenfalls nicht bestätigt; eine Entschädigung wurde lediglich aufgrund einer Enzephalitis gezahlt. 

3. Behauptung: Ein Mädchen entwickelte durch diverse Impfungen Autismus

Bei Bewusst-Vegan-Froh wird außerdem der Fall eines 15 Monate alten Mädchens namens Emily vorgestellt. Ein US-Gericht habe eingeräumt, dass sie durch diverse Impfstoffe, unter anderem auch gegen MMR, eine Anfallkrankheit und Autismus entwickelt habe. Auch diese Behauptung überprüften unsere Kollegen von AFP. Demnach hieß das Mädchen mutmaßlich Emily Lowrie.  Wie öffentlich einsehbare Dokumente (Seite 1 und 2) zeigen, klagte die Mutter von Emily, Jillian Lowrie, ebenfalls vor dem United States Court of Federal Claims (USCFC). Ihre Tochter habe nach Routineimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis eine Gehirnentzündung (Enzephalopathie) erlitten. Von Autismus war in dem Verfahren nicht die Rede. Das Gericht sprach der Familie eine Entschädigung von über einer Million Dollar zu.

Fazit: Die Behauptung ist in Bezug auf Emily Lowries Fall falsch. Das Mädchen hat als Folge von Impfungen eine Gehirnentzündung entwickelt, keinen Autismus. Für die nachgewiesene Nebenwirkung erhielt sprach ein Gericht ihr eine Entschädigung zu. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die US-Regierung bestätigte keine Verbindung zwischen Impfungen und Autismus.

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Es gibt keine Belege dafür, dass deutschlandweit heimlich 5G-Stationen errichtet wurden. (Symbolbild: Pixabay / schwarzweisz).

von Kathrin Wesolowski

In einem Artikel wird behauptet, die Regierung lasse heimlich 5G-Stationen ausbauen. Dies sei beispielsweise in der Gemeinde Dießen am Ammersee bereits geschehen. Für die Behauptungen gibt es keine Belege.

In einem Artikel von Watergate.tv mit dem Titel „So lässt die Merkel-Regierung das gefährliche 5G heimlich ausbauen“ wird behauptet, die Bundesregierung installiere „offenbar heimlich“ 5G-Antennen, also Antennen zum neuen Mobilfunkstandard. Diese würden als solche nicht erkannt werden. In der Gemeinde Dießen seien beispielsweise bereits heimlich 5G-Stationen errichtet worden. 

Der Artikel wurde am 16. Juni 2020 veröffentlicht und bisher laut dem Analysetool Crowdtangle über 1.300 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV hat die Behauptung überprüft. Die Pläne der Bundesregierung sind öffentlich einsehbar. Weder in noch um Dießen wurden bislang nach Behördenangaben 5G-Stationen errichtet. Es gibt also keine Belege für einen heimlichen Ausbau der 5G-Standorte. 

5G-Sendeanlagen sind unter anderem an Straßenlaternen und Ampeln möglich

„Die Mitnutzung vorhandener Infrastruktur wie zum Beispiel Ampeln, Straßenlaternen oder Gebäude ist für einen schnellen 5G-Ausbau unerlässlich“, wird Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in dem Artikel von Watergate.tv zitiert. Dieses Zitat ist auch in Medienberichten zu finden sowie auf der Webseite des Bundesverkehrsministeriums (BMVI). 

In dem Artikel wird zudem auf ein Papier des Bundesverkehrsministeriums über mögliche Standorte der 5G-Stationen verwiesen. Auf unsere Anfrage verwies das Bundesverkehrsministerium auf eine Broschüre mit dem Titel „Mitnutzungspotentiale kommunaler Trägerinfrastrukturen für den Ausbau der nächsten Mobilfunkgeneration 5G“. Diese ist laut BMVI erstmals bereits im Juni 2019 veröffentlicht worden und werde seitdem fortlaufend aktualisiert. Erstellt wurde sie von der AG Digitale Netze, zu der unter anderen das Bundesverkehrsministerium, die Deutsche Telekom und der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien gehören.

In der Broschüre werden mögliche Standorte der 5G-Stationen diskutiert und bewertet. Das BMVI schrieb uns per E-Mail, dass konkrete Standorte von den Mobilfunkanbietern gefunden und erschlossen würden.

Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesverkehrsministeriums. (Screenshot: CORRECTIV)

Laut der Broschüre sollen zudem bereits vorhandene Mobilfunkstandorte ausgebaut, neue gefunden und auch sogenannte Kleinzellen, auch Small Cells genannt, angebracht werden.  Als besonders geeignet für die Standorte werden unter anderen Straßenlaternen, Ampelanlagen, Fahrgastinformationstafeln und Gebäudefassaden genannt. Baurechtliche Maßnahmen würden einen weiten Ausbau der Standorte bisher allerdings einschränken. Deshalb müsse ein rechtlicher Rahmen dafür noch geschaffen werden.

Gemeinde Dießen: Die Gemeinde ließ keine 5G-Stationen aufbauen

In dem Artikel von Watergate.tv heißt es zudem: „In der Gemeinde Dießen beispielsweise sind heimlich neue 5G-Stationen errichtet worden.“ Dabei wird angeblich ein Gemeindemitglied zitiert. Dem Gemeinderat soll gesagt worden sein, dass „eine neue Technik zur Messung der Luftverschmutzung und zur Verkehrsdichte nachgerüstet wird“. Zudem soll laut Artikel der Bau- und Umweltausschuss beschlossen haben, dass „Straßenlampen auf LED umgerüstet werden“. Dabei geht es dem Artikel zufolge um eine „heimliche Umrüstung auf 5G“.  Das ist unseren Recherchen nach komplett erfunden. 

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Auf unsere Anfrage schrieb uns die Bürgermeisterin der Gemeinde Dießen am Ammersee Sandra Perzul: „Grundsätzlich kann ich Ihnen mitteilen, dass die Gemeinde Dießen seit meinem Amtsantritt am 01.05.2020 keine 5G-Stationen aufstellen ließ und auch mein Vorgänger hat dies ebenfalls nicht.“

Laut der Mail der Bürgermeisterin von Dießen, Sandra Perzul, wurden dort keine 5G-Stationen errichtet. (Screenshot: CORRECTIV)

Sandra Perzul bestätigt, dass der Bau- und Umweltausschuss der Gemeinde in seiner Sitzung am 25. Mai zugestimmt habe, die Straßenbeleuchtung in einigen Gemeindestraßen auf LED umzurüsten – „aber nicht zur Umrüstung auf 5G“.

„Bei der Umrüstung auf LED-Lampen geht es der Gemeinde um umweltschutz- und artenschutzrelevante Problematiken: Niedrigerer Energieverbrauch, Stromersparnis, eine längere Lebensdauer und eine geringere Wärmeentwicklung. Letztere wiederum sind besonders auch für die Insekten und die Tiere in der Nacht von besonderer Bedeutung, die geschützt werden sollen“, teilte uns die Bürgermeisterin der Gemeinde weiter mit.

Eine Netzwerkabdeckungskarte der Webseite „nperf“ zeigt, wo es in Deutschland bisher 5G-Stationen gibt. Laut der Karte, die durch Feldtests Daten sammelt, gibt es in Dießen am Ammersee keine 5G-Stationen. Die am nächsten gelegenen Stationen gibt es der Karte zufolge in München. 

Die Karte von „nperf“ zeigt mit lila Punkten, wo es bisher 5G-Standorte gibt. In Dießen am Ammersee laut „nperf“ bisher nicht. (Screenshot: CORRECTIV)

Keine Belege dafür, dass 5G gesundheitsgefährdend ist

5G steht für die fünfte Mobilfunkgeneration. Damit sollen Daten schneller übertragen und weniger Strom verbraucht werden. In Deutschland sind 5G-Stationen bisher nur vereinzelt installiert worden. Die Sendeanlagen sollen aber laut Bundesamt für Strahlenschutz deutlich ausgebaut werden. Einige Menschen gehen davon aus, dass dadurch die Strahlenbelastung steigen und gefährlich für den Menschen werden könnte. Auch in dem Artikel von Watergate.tv wird behauptet, die 5G-Antennen seien „hochgefährlich“. Dafür gibt es aktuell jedoch keine Belege, wie wir in einem Faktencheck bereits überprüften.

Karte von „nperf“, die anzeigt, wo es bisher 5G-Stationen in Deutschland gibt. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesumweltministerium schreibt dazu: „Die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Wirkungen elektromagnetischer Felder auf den Menschen sind auch für die derzeit für 5G zur Verfügung stehenden Frequenzen weitestgehend aussagekräftig: Innerhalb der gültigen Grenzwerte und bei Einhaltung der an Mobiltelefone gestellten Anforderungen gibt es demnach keine bestätigten Belege für eine gesundheitliche Wirkung des Mobilfunks.“

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es also weder abschätz- noch belegbar, welche Strahlenbelastung durch die neue Mobilfunktechnologie auf uns wirken könnte. Um sichere Aussagen dazu treffen zu können, müsste die Strahlenbelastung nach dem Ausbau gemessen werden und mehr Forschung zu ihrer Schädlichkeit stattfinden.

Einigkeit besteht darin, gewisse Vorsicht bei der Nutzung von Mobiltelefonen walten zu lassen. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt folgende Hinweise, die allerdings nur wenige Menschen berücksichtigen dürften: „Auf ausreichenden Abstand des Smartphones zum Körper achten und beim Telefonieren Freisprecheinrichtungen und Headsets nutzen.“

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass in Deutschland heimlich 5G-Stationen errichtet wurden.

Symbolfoto Covid-19
Die Behauptung, dass die WHO unspezifische Corona-Tests empfohlen habe, ist irreführend. (Symbolfoto: Gerd Altmann, Pixabay)

von Kathrin Wesolowski

In einem Online-Artikel wird behauptet, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe empfohlen, bei Corona-Tests nur auf ein „unspezifisches“ Gen zu testen. Damit seien vermutlich weltweit Menschen positiv getestet worden, die gar nicht mit SARS-CoV-2 infiziert seien. Diese Behauptung führt in die Irre.

In den Sozialen Netzwerken kursiert ein Artikel der österreichischen Wochenzeitung Wochenblick mit dem Titel „WHO empfahl völlig unspezifische Corona-Virentests“. Diese Tests seien seit Anfang April angewendet worden. Als Quelle wird eine Mitteilung auf der Webseite des Labors Augsburg MVZ vom 3. April angegeben. 

Der Wochenblick-Artikel wurde am 17. Mai 2020 veröffentlicht und bisher laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 6.500 Mal auf Facebook geteilt. Zentral geht es darin um PCR-Tests auf SARS-CoV-2. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion und wird zur Diagnostik von Infektionskrankheiten eingesetzt. Die Behauptung lautet, die WHO habe empfohlen, einen PCR-Test bereits dann als positiv auszuweisen, wenn nur eine bestimmte Gensequenz des Coronavirus nachgewiesen wurde (anstatt zwei Sequenzen). Diese sei aber „nicht spezifisch“ für SARS-CoV-2. Deshalb behauptet Wochenblick, die WHO habe „unspezifische“ Corona-Tests empfohlen und die Tests würden auch für andere Coronaviren positive Ergebnisse anzeigen. Es wird damit impliziert, dass die PCR-Tests unzuverlässig seien und die Fallzahlen weltweit in Wirklichkeit kleiner ausfallen würden. 

CORRECTIV hat die Behauptungen überprüft: Es stimmt, dass die WHO sagte, in Ausnahmefällen sei es ausreichend, nur auf ein Zielgen des Coronavirus zu testen. Größtenteils falsch ist jedoch die Schlussfolgerung, die Tests seien deshalb „völlig unspezifisch“.

Mitteilung auf der Webseite des Labors gelöscht

In dem Artikel wird als Quelle auf die Webseite des Labors Augsburg MVZ verwiesen. Dort war eine Mitteilung zu lesen, die mittlerweile gelöscht wurde. CORRECTIV hat sie aber archiviert

Darin hieß es, man habe PCR-Tests der Firma Roche verwendet und bisher immer die Messergebnisse für beide Zielsequenzen der PCR (ORF1- und E-Gen) getrennt angegeben. „Das ORF1-Gen ist dabei für SARS-CoV-2 spezifisch, während das E-Gen auch in anderen Coronaviren vorkommt […] Unter Berücksichtigung der epidemiologischen Situation und der insgesamt gestiegenen Positivenrate folgen wir ab sofort der WHO-Empfehlung und geben ein Ergebnis bereits dann als ,positiv’ heraus, wenn nur das E-Gen amplifiziert wurde.“ 

Ausschnitt der Mitteilung des Labors Augsburg MVZ. (Screenshot: CORRECTIV)

WHO empfiehlt PCR-Tests zum Testen auf Covid-19

Wir haben bei der WHO nachgefragt, ob sie eine solche Praxis empfohlen hat. Konkret auf unsere Anfrage, ob es ausreiche, bei einem Covid-19-Test auf das E-Gen zu testen, antwortete die WHO nicht direkt. Bei einem PCR-Test wird durch einen Abstrich eine Probe aus den Atemwegen entnommen und dann überprüft, ob Erbgut des Virus vorhanden ist. Die WHO teilte uns mit, dass bei PCR-Tests bisher folgende Gene als Nachweis für SARS-CoV-2 genutzt werden: N, E, S und RdRP.

Bei einem PCR-Test für SARS-CoV-2 soll laut WHO „in Regionen ohne Covid-19-Virus-Zirkulation“ auf mindestens zwei Gen-Zielsequenzen des Virus getestet werden. Davon solle vorzugsweise mindestens eine spezifisch für SARS-CoV-2 sein. „Da gegenwärtig keine anderen SARS-ähnlichen Coronaviren in der menschlichen Bevölkerung zirkulieren, ist es diskutierbar, ob der Test spezifisch für Covid-19 oder einen SARS-ähnlichen Coronavirus sein muss“, schrieb die WHO uns per E-Mail.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

In Gebieten, in denen Covid-19 weit verbreitet ist, sei es jedoch ausreichend, mit dem PCR-Test nur einen Teil des Genoms zu testen, heißt es in einem Empfehlungsschreiben der WHO vom 19. März.

Ein Ausschnitt aus der Empfehlung der WHO vom 19. März. (Screenshot: CORRECTIV)

Es stimmt also, dass die WHO sagte, in Ausnahmefällen sei es ausreichend, nur auf ein Zielgen zu testen. Das Gen wird jedoch nicht genau benannt.

Mitteilung des Labors wurde irreführend interpretiert

Wochenblick interpretiert die Mitteilung des Labors über das „unspezifische E-Gen“ irreführenderweise so, dass die Tests auch auf alle anderen Arten von Coronaviren reagieren. „Patienten auf ,irgendein’ Corona-Virus positiv…“, heißt es in dem Artikel. Das ist jedoch nicht korrekt. Tatsächlich kann der Test laut Experten sowohl auf SARS-CoV-2 als auch auf das erste SARS-Virus anschlagen, das 2003 entdeckt wurde.

In einem anderen Faktencheck haben wir bereits den Virologen Christian Drosten, Leiter des Konsiliarlabors für Coronaviren an der Charité Berlin, zitiert, der mögliche Reaktionen auf andere Coronaviren als das SARS-Virus verneinte. Drosten hatte gemeinsam mit seinem Team den ersten weltweiten Diagnostiktest entwickelt. Im NDR-Podcast sagte er: „Wenn wir eine Patientenprobe testen und die ist positiv, dann ist es dieses neue Coronavirus und auf gar keinen Fall eins der bekannten anderen Coronaviren.“(PDF, Folge 16 des NDR-Podcasts)

Theoretisch sei es zwar möglich, dass der Test gegen das alte SARS-Coronavirus reagieren würde. Allerdings sei dieses Virus seit 16 Jahren nicht mehr beim Menschen aufgetreten. Auch bei einigen Fledermaus-Coronaviren würde der Test theoretisch reagieren. Praktisch sei das jedoch irrelevant, weil auch diese nicht beim Menschen auftreten: „Wir testen mit diesem Test nur das neue Coronavirus beim Menschen“, sagte Drosten im Podcast.

Virologe: SARS-CoV kommt beim Menschen seit Jahren nicht mehr vor

In der Mitteilung des Augsburger Labors stand, das ORF1-Gen sei für SARS-CoV-2 spezifisch, während das E-Gen auch „in anderen Coronaviren“ vorkomme. Wir fragten Bodo Plachter, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie der Universitätsmedizin Mainz an, worum es sich bei dem E-Gen und dem ORF-1-Gen genau handelt. 

Er schrieb uns per E-Mail, dass ein grundsätzliches Problem von Diagnostiken sei, dass Erreger mutieren. Um beim Testen wirklich herauszufinden, um welches Virus es sich handelt, müsse deswegen ein Gen-Abschnitt gefunden werden, der nicht mutiere und immer gleich bleibe. 

Ein solcher Genabschnitt ist laut Bodo Plachter das Hüllprotein E, auch E-Gen genannt, das bei SARS-CoV-2 vorhanden ist. „Ein nahezu identischer Abschnitt findet sich auch im E-Gen von SARS-CoV Virus, dem Erreger, der vor Jahren einen Ausbruch verursacht hat. Da dieser Erreger aber im Augenblick bei uns nicht vorkommt, ist es unerheblich, wenn hier ,Kreuzreaktivität’ vorliegt“, schrieb uns der Virologe. 

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Virologen Bodo Plachter an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Behauptung führt in die Irre

Bodo Plachter schrieb zudem, dass in der Diagnostik üblicherweise ein „Bestätigungstest“ durchgeführt werden würde. ORF1 ist dabei eine andere Genomregion, auf die in einem Coronatest getestet werden kann. „Bei SARS-CoV begibt man sich auf eine sichere Seite und führt in aller Regel zwei NATs in unterschiedlichen Genomregionen durch“, schrieb Bodo Plachter.

Die Behauptung, das E-Gen sei unspezifisch für SARS-CoV-2, ist demnach zwar richtig, führt aber in die Irre. Denn es ist nicht relevant, dass es auch in dem alten SARS-Virus vorhanden ist – dieses tritt aktuell nicht beim Menschen auf. Deshalb weist ein Test auf das E-Gen aktuell bei positivem Ergebnis ausschließlich auf das neue Coronavirus SARS-CoV-2 hin, das die Krankheit Covid-19 verursacht.

Update, 2. Juli 2020: Kurz nach der Veröffentlichung wurden wir auf die entsprechende Empfehlung der WHO von März 2020 hingewiesen. Wir haben daher diesen Teil des Textes überarbeitet und die Quelle ergänzt.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der PCR-Test ist nicht „unspezifisch“; er könnte zwar auch auf das erste SARS-Virus reagieren, dies hat jedoch keinen Einfluss auf die aktuellen Fallzahlen.

Screenshot Titelbild
In einem Interview mit Sucharit Bhakdi werden teilweise falsche Behauptungen aufgestellt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

In einem Youtube-Interview behauptet der Mediziner Sucharit Bhakdi unter anderem, der Impfstoff gegen Covid-19 sei sinnlos und Corona nicht gefährlicher als ein Grippevirus. Die meisten seiner Aussagen sind unbelegt.

Sucharit Bhakdi, ehemals Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene  der Universitätsmedizin Mainz, behauptet in einem Video-Interview auf Youtube über das neuartige Coronavirus unter anderem, dass Tote mit Corona kaum obduziert würden, alle gestorbenen Patienten Vorerkrankungen gehabt hätten und eine Impfung keinen Sinn mache, weil das Virus mutieren könne. 

Das Interview mit dem Titel „Impfung gegen Covid-19 sinnlos“ wurde am 25. April auf dem Youtube-Kanal Punkt.Preradovic der ehemaligen RTL-Moderatorin Milena Preradovic veröffentlicht. Es wurde bisher mehr als 271.000 Mal aufgerufen. Preradovic teilte es auch auf ihrem Facebook-Kanal. Hier wurde es bisher mehr als 46.000 Mal aufgerufen und mehr als 1.000 Mal geteilt. 

Während des Interviews (ab Minute 3:58 bis Minute 9:40) bezieht sich der Arzt immer wieder auf eine Studie von John P. A. Ioannidis, einem Medizinprofessor der Stanford University. Laut Medienberichten wurde die Studie von Ioannidis jedoch von anderen Experten kritisiert – unter anderem weil dort Antikörpertests verwendet wurden, die noch unzuverlässig seien. 

Bhakdi argumentiert anhand der Daten dieser Studie, dass die Wahrscheinlichkeit, im Alter von über 80 Jahren an Covid-19 zu sterben, in Deutschland geringer sei als die Wahrscheinlichkeit, zum Beispiel an Herzerkrankungen oder Krebs zu sterben. Er begründet damit seine Meinung, dass die Lungenerkrankung Covid-19 nicht wirklich gefährlich sei.   

Um diese These weiter zu stützen, stellt Bhakdi in dem Interview auch mehrere Tatsachenbehauptungen auf und bestätigt Aussagen der Moderatorin Milena Preradovic. Sieben dieser konkreten Behauptungen hat CORRECTIV überprüft. Das Ergebnis: Die meisten sind unbelegt, zwei sind richtig und zwei falsch. 

1. Behauptung: Es wird nicht differenziert, ob ein Covid-19-Toter mit oder an dem Virus verstorben ist 

Diese Behauptung stellt Sucharit Bhakdi ab Minute 1:45 im Video auf. In der Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) werden die Covid-19-Todesfälle gezählt, bei denen ein Nachweis des Erregers SARS-CoV-2 vorliegt. Das RKI schreibt dazu auf der eigenen Webseite, dass es in der Praxis häufig schwierig zu entscheiden sei, inwieweit die Corona-Infektion direkt zum Tode beigetragen habe. 

„Sowohl Menschen, die unmittelbar an der Erkrankung verstorben sind (‘gestorben an’), als auch Personen mit Vorerkrankungen, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren und bei denen sich nicht abschließend nachweisen lässt, was die Todesursache war (‘gestorben mit’), werden derzeit erfasst”, heißt es dort.

Fazit: Die Behauptung ist richtig.

2. Behauptung: Italien verkündete offiziell, dass 88 Prozent der Verstorbenen mit Covid-19 nicht an Corona gestorben seien

Diese Behauptung stellt Bhakdi ab Minute 11:48 auf. In dem Text zu dem Youtube-Video steht, dass sich Sucharit Bhakdi bei seinen Behauptungen zu Italien auf ein Interview des Professors Walter Ricciardi in der britischen Tageszeitung The Telegraph beziehe. Ricciardi ist Mitglied des European Advisory Committee on Health, eines Gesundheitskomitees der WHO. Laut italienischem Gesundheitsministerium arbeitet er auch mit der Regierung Italiens während der Corona-Krise zusammen.

Screenshot des Textes zum YouTube-Video von Punkt.Preradovic. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Artikel von The Telegraph vom 23. März wird Ricciardis Aussage zitiert, eine Re-Evaluierung des italienischen Gesundheitsministeriums habe gezeigt, dass nur zwölf Prozent der Todesfälle eine direkte Kausalität zu der Infektion mit dem Coronavirus gezeigt hätten. 88 Prozent der Toten hätten mindestens eine Vorerkrankung gehabt. Dass sie nicht an Corona gestorben seien, sagte er in dem Interview nicht. 

Screenshot der Behauptung von Walter Ricciardi in einem Artikel des Telegraph. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf unsere Anfrage schrieb uns Walter Ricciardi, dass seine Aussage in dem Interview korrekt sei – einen Beleg schickte er uns allerdings nicht. Die Gesundheitsbehörde Italiens reagierte nicht auf unsere Presseanfrage.

Fazit: Die Behauptung ist unbelegt.

3. Behauptung: In Deutschland und Italien sind kaum Autopsien durchgeführt worden

Ab Minute 12:05 stellt die Moderatorin Milena Preradovic diese Behauptung auf, die der Arzt Bhakdi Sucharit daraufhin bestätigt. 

Auf unsere Presseanfrage verweist der Bundesverband Deutscher Pathologen auf ein Interview seines Präsidenten Karl-Friedrich Bürrig mit der Ärztezeitung vom 14. Mai. Darin werden Bürrigs Aussagen zitiert, dass eine Obduktionsquote von um die 30 Prozent statistische Aussagen zulassen würde. In einem Infokasten am Ende des Textes steht, dass bislang erst um die 200 mit Covid-19 infizierte Verstorbene obduziert worden seien. 

Auszug aus dem Interview mit Karl-Friedrich Bürrig in der Ärztezeitung. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Zahl 200 könnte sich auf Hamburg beziehen, wo alle mit Covid-19 gestorbenen Menschen obduziert werden. Am 14. Mai waren dies 228 Personen, bei 205 wurde bis dahin die Infektion mit dem Coronavirus laut Pathologie als Todesursache festgestellt. Da es keine bundesweite Statistik gibt, ist die genaue Anzahl aller Obduktionen in Deutschland aber unklar. 

Auch aus Italien gibt es keine offiziellen Zahlen zu den Obduktionen von Verstorbenen mit Covid-19. Die Faktenchecker von Pagella Politica erklärten uns auf Anfrage, dass sie keine Statistik dazu finden konnten. 

Fazit: Unbelegt. Wie viele Obduktionen in Italien und Deutschland durchgeführt werden, ist unklar.

4. Behauptung: In Hamburg hatten alle Verstorbenen mit Covid-19 Vorerkrankungen

Diese Behauptung stellt die Moderatorin Milena Preradovic auf (ab Minute 12:19) und bezieht sich dabei auf den Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel. Sucharit Bhakdi bestätigt ihre Aussage. In einem früheren Faktencheck überprüften wir bereits eine ähnliche Behauptung. 

Da das Youtube-Interview am 25. April 2020 veröffentlicht wurde, bezieht sich Sucharit Bhakdi auf Daten im April. In einem Hamburger Lagebericht vom 24. April heißt es: „Nach den Angaben des Robert-Koch-Instituts sind in Hamburg 122 Personen mit einer COVID-19-Infektion verstorben. Laut Angaben des Instituts für Rechtsmedizin konnte zum jetzigen Stand bei 116 Personen die COVID-19 Infektion als todesursächlich festgestellt werden.”

In verschiedenen Medienberichten, beispielsweise des NDR, berichtete Klaus Püschel, der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Ende April, dass alle Toten mit dem Coronavirus in Hamburg Vorerkrankungen gehabt hätten. Auf unsere Anfrage schrieb uns das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf jedoch, dass „fast alle“ Verstorbenen mit Covid-19 eine Vorerkrankung vorwiesen. Dies ist auch in einer Pressemitteilung vom 8. Mai zu lesen. Genaue Zahlen wollte die Pressestelle uns nicht mitteilen. 

Eine Vorerkrankung heißt außerdem nicht, dass die Menschen nicht an Covid-19 gestorben sind. Bisher (Stand 17. Juni) bestätigte das Institut für Rechtsmedizin bei 228 Todesfällen in Hamburg die Covid-19-Infektion als Todesursache. Das ist der überwiegende Teil der Personen, die in der Gesamtstatistik des RKI auftauchen. Denn laut RKI sind in Hamburg bisher 257 Menschen mit Covid-19 gestorben.           

Fazit: Die Behauptung ist so pauschal falsch. Fast alle Verstorbenen mit Covid-19 in Hamburg hatten Vorerkrankungen.

5. Behauptung: Auch in Italien hatten alle Toten Vorerkrankungen

Diese Behauptung wird von Bhadki ab Minute 12:20 im Interview aufgestellt.

Das italienische Istituto Superiore de Sanità, die Gesundheitsbehörde, die ähnlich wie das Robert-Koch-Institut in Deutschland Handlungsempfehlungen an die Bevölkerung und die Regierung Italiens ausgibt, veröffentlicht regelmäßig eine Auswertung der Patientendaten. Da das Interview am 25. April erschienen ist, schauen wir uns die Version vom 23. April an, für die 23.188 gestorbene Corona-Patienten untersucht wurden. Bei einer Stichprobe von 2.041 dieser Patienten wurden die Vorerkrankungen aufgeschlüsselt: 74 hatten keinerlei Vorerkrankungen. Das entspricht einem Anteil von 3,6 Prozent.

Fazit: Die Behauptung ist so pauschal falsch.

6. Behauptung: Der Erreger ist nicht gefährlicher als ein Grippevirus

Diese Behauptung stellt Sucharit Bhakdi ab Minute 12:50 auf. Wie wir bereits in einem Faktencheck überprüften, sind die Influenzaviren und SARS-CoV-2 nicht vergleichbar.

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Es ist richtig, dass beide Virentypen Atemwegserkrankungen auslösen und schnell von Person zu Person übertragbar sind. Abgesehen davon seien SARS-CoV-2 und die saisonalen Grippeviren aber „sehr unterschiedlich“, schreibt das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC)

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbreitet sich Influenza wegen ihrer kürzeren Inkubationszeit schneller als Covid-19. Gleichwohl deuteten die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse an, dass es bei Covid-19 mehr schwere Infektionsverläufe gebe als bei einer Influenza-Infektion. 

Hinzu kommt laut WHO, dass es im Gegensatz zu Influenza gegen Covid-19 keine Impfstoffe gibt. Da es ein neuer Virus sei, sei außerdem niemand gegen die Krankheit immun, schreibt das ECDC. Das bedeute: „Theoretisch ist die gesamte menschliche Bevölkerung potenziell für eine Infektion mit Covid-19 anfällig.”

Letalität von Influenza und Coronavirus bisher nicht vergleichbar

Die Gefährlichkeit eines Virus wird meist anhand der Sterberate beurteilt. Für SARS-CoV-2 gibt es aber hierzu noch gar keine gesicherten Erkenntnisse. Die registrierten Todesfälle sind nicht mit Influenza vergleichbar, weil die Zahlen unterschiedlich gemessen werden

Das ECDC erklärt, an der saisonalen Grippe würden in Europa wegen der hohen Zahl der Ansteckungen jedes Jahr geschätzt zwischen 15.000 und 75.000 Menschen sterben. Dies sei etwa einer von 1.000 Infizierten (0,1 Prozent).

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ZUM SCHWERPUNKT

Laut Robert-Koch-Institut gibt es über die Letalität – also den Anteil der Verstorbenen an den tatsächlich Erkrankten – für SARS-CoV-2 noch keine verlässlichen Daten (unter Punkt 12), weil nicht klar ist, wie viele Menschen momentan infiziert sind. Bei den aktuell verfügbaren Daten liege der Fall-Verstorbenen-Anteil in Deutschland bei 4,7 Prozent.

Auch ob die sogenannte Übersterblichkeit durch das Coronavirus insgesamt höher sein wird als durch die saisonale Influenza, kann noch nicht ermittelt werden. Dennoch waren die Gesamt-Sterbefallzahlen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt im April 2020 höher als im Durchschnitt der Vorjahre. 

Fazit: Die Behauptung, SARS-CoV-2 sei nicht gefährlicher als eine Grippe, ist unbelegt. 

7. Behauptung: Der Erreger verändert sich, und damit ist eine Impfung sinnlos

Diese Behauptung stellt Sucharit Bhakdi ab Minute 14:40 im Video auf. Er sagt, die Voraussetzung, dass eine Impfung funktioniere, sei, dass das Ziel – also das Virus – sich nicht dauernd verändere. Deshalb werde Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19 scheitern. 

Auf unsere Anfrage antwortete das Paul-Ehrlich-Institut, auch Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel genannt, per E-Mail: „Grundsätzlich haben insbesondere RNA-Viren wie das SARS-CoV-2 die Eigenschaft, im Laufe vieler Replikationszyklen im Wirt Mutationen in ihrem Genom zu akkumulieren.“ Das Ausmaß der Mutation sei dabei je nach Virus unterschiedlich. 

Eine potenzielle Herausforderung für die Impfstoffentwicklung stellten jedoch nur solche Mutationen dar, die es einem Virus erlauben, einer Impfstoff-induzierten Immunität zu entkommen. Hierzu seien aber in aller Regel mehrere akkumulierte Mutationen notwendig.

Ausschnitt aus der E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)
Weiterer Ausschnitt aus der E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Bei der Impfstoffentwicklung werde daher beabsichtigt, ihn so zu entwickeln, dass er auch gegen leicht veränderte Virusvarianten wirksam sei. So werde beispielsweise bei der Grippeimpfung jährlich eine Stammanpassung vorgenommen, um einen wirksamen Schutz vor der Grippeerkrankung zu gewährleisten. Eine Impfung ist deswegen laut Paul-Ehrlich-Institut nicht grundsätzlich sinnlos, nur weil der Erreger mutieren kann.

Bisher gibt es laut RKI allerdings keinen Impfstoff gegen das Coronavirus, weshalb alle Aussagen dazu Spekulationen und Zukunftsprognosen sind.

Fazit: Diese Behauptung ist unbelegt. Es gibt bisher keinen Impfstoff, daher ist unklar, wie wirksam er sein wird. Laut Paul-Ehrlich-Institut bedeuten Mutationen eines Erregers nicht per se, dass Impfstoffe unwirksam sind.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Sucharit Bhakdi stellt in dem Interview mehrere unbelegte Behauptungen auf. Zwei Aussagen sind richtig, zwei falsch.