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Alice Echtermann

Faktencheckerin

Alice wurde Journalistin, weil sie alles genau wissen möchte. Deshalb prüft sie für den CORRECTIV-Faktencheck täglich Meldungen im Netz auf ihre Richtigkeit. Während ihres Volontariates beim Weser-Kurier in Bremen schrieb sie über Filterblasen-Effekte und Algorithmen. Später, als Onlineredakteurin, recherchierte sie, wie Facebook instrumentalisiert wird, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Für eine Reportage über ihren Heimat-Stadtteil in Bremen wurde sie 2019 mit dem Dritten Preis des Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet.

E-Mail: alice.echtermann(at)correctiv.org
Twitter: @echt_alice

Impfungen Symbolbild
Aktuell wird gegen Impfungen in Sozialen Netzwerken Stimmung gemacht. Dafür werden Beispiele wie die Schweinegrippe herangezogen. (Symbolbild: picture alliance/imageBROKER)

von Alice Echtermann

Ein Facebook-Nutzer vergleicht Impfungen mit einem „Genozid“ und zieht verschiedene Beispiele heran. Es geht um die Schweinegrippe-Impfung, Impfungen in Indien, die angeblich tausenden Menschen geschadet hätten oder Bill Gates. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

In einem Facebook-Beitrag vom 2. Juli, der mehr als 1.100 Mal geteilt wurde, wird unter der Überschrift „Genozid am deutschen Volk?“ Stimmung gegen Impfungen gemacht. Er enthält zahlreiche Spekulationen in Bezug auf einen zukünftigen Corona-Impfstoff. Es werden aber auch mehrere konkrete Behauptungen über Impfungen gegen die Schweinegrippe oder Fälle in Indien oder Afrika aufgestellt, die sich überprüfen lassen. 

CORRECTIV hat recherchiert: Die überprüfbaren Behauptungen sind alle falsch, irreführend oder unbelegt. 

1. Behauptung: Bei der Schweinegrippe habe es einen Impfstoff für die Bevölkerung und einen für die Regierung gegeben. Ersterer habe Giftstoffe enthalten und für schwere Impfschäden gesorgt.

Die Behauptungen sind teilweise falsch. Richtig ist, dass es zwei verschiedene Impfstoffe gab – irreführend ist jedoch, dass suggeriert wird, der für die Bevölkerung habe gefährliche Giftstoffe enthalten.

Das Influenza-Virus H1N1, auch als Schweinegrippe bezeichnet, löste 2009/2010 eine Pandemie aus. Rückblickend schätzt das Robert-Koch-Institut, dass es in Deutschland etwa 350 Todesfälle gab. 

2009 gab es Medienberichte über die Bestellung eines anderen Impfstoffes für die Bundesregierung, Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr als für den Rest der Bevölkerung. Es war die Rede von einer angeblichen „Zwei-Klassen-Impfung“. Für die Bevölkerung seien 50 Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix des Herstellers Glaxo-Smith-Kline bestellt worden. Das Innenministerium habe dagegen 200.000 Dosen eines anderen Impfstoffes namens Celvapan von der Firma Baxter bestellt. 

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, bestätigte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass der Bund sich über das Bundesinnenministerium einer Bestellung der Bundeswehr bei der Firma Baxter angeschlossen habe. Für Bundesbeamte wurde demnach Celvapan bestellt.

E-Mail des Sprechers des Bundesgesundheitsministeriums über die Schweinegrippe-Impfung (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesinnenministerium hat nicht auf eine Presseanfrage von CORRECTIV nach den Gründen für die Bestellung von Celvapan geantwortet. Laut einem Bericht der Welt im Oktober 2009 steckte dahinter aber ein älterer Liefervertrag der Bundeswehr mit Baxter. Dasselbe berichtete die FAZ: Die Bundesregierung habe den Vorwurf eines „Regierungsimpfstoffes“ zurückgewiesen. Die Bundeswehr und Bundespolizisten würden Celvapan wegen des Vertrags mit Baxter bekommen, der noch aus Zeiten der Vogelgrippe stamme. Der Grund sei nicht, dass Celvapan unbedenklicher sei oder weniger Nebenwirkungen hervorrufe. Mitglieder der Bundesregierung würden im Falle einer Impfung Pandemrix erhalten. 

Unterschied der Schweinegrippe-Impfstoffe: Pandemrix enthielt Wirkverstärker

Der Unterschied der Impfstoffe bestand den Medienberichten zufolge darin, dass Pandemrix Wirkverstärker enthalte, mit denen typische Impf-Nebenwirkungen häufiger auftreten könnten. Wirkverstärker sorgen dafür, dass auch geringere Dosen eines Impfstoffes eine starke Immunreaktion des Körpers auslösen. Diese Wirkverstärker sind offenbar mit den angeblichen „Giftstoffen“ in dem Facebook-Beitrag gemeint.

Die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Susanne Stöcker, schrieb auf Nachfrage von CORRECTIV: „Bei Pandemrix gab es tatsächlich deutlich mehr Lokalreaktionen (Schmerzen an der Einstichstelle, Hautrötungen), aber auch mehr und stärkere systemische Reaktionen wie Kopfweh, leichtes Fieber, starke Abgeschlagenheit. Das ist aber eine normale und letztlich auch zu erwartende Reaktion, denn der Wirkverstärker soll ja die Reaktion des Immunsystems verstärken.“

Die Bezeichnung dieser Wirkverstärker (Adjuvanzien) als „Giftstoffe“, die „schwere Impfschäden“ verursachten, ist demnach irreführend. Der Wirkverstärker in Pandemrix habe Squalen, Polysorbat 80 und Vitamin E enthalten, so Stöcker. Bereits 2009 gab es Bedenken gegen Squalen, deshalb hat das PEI zu diesem Thema einen Artikel veröffentlicht. 

Demnach handelt es sich bei Squalen um einen natürlichen Bestandteil von Körperzellen, ein Zwischenprodukt des menschlichen Cholesterin-Stoffwechsels. Es sei in vielen Lebensmitteln wie Fisch oder Olivenöl enthalten. „Die Menge an Squalen, die in einer Dosis Impfstoff enthalten ist, liegt nicht höher als die durchschnittliche Menge, die täglich mit der Nahrung aufgenommen wird“, schrieb das PEI. 

Pandemrix erhöhte laut Studien das Risiko für Narkolepsie

Auf einem anderen Blatt steht, dass Pandemrix später in die Kritik geriet, weil die Impfung offenbar das Risiko für Narkolepsie bei jungen Menschen erhöhte. 2011 machte Schwedens Gesundheitsbehörde laut PEI darauf aufmerksam. Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung. 

Das PEI hat nach eigenen Angaben auch in Deutschland Untersuchungen durchgeführt. Bis Ende Oktober 2016 seien 86 Meldungen von Narkolepsie-Verdachtsfällen nach einer Pandemrix-Impfung eingegangen. Eine bundesweite Studie des PEI zu dem Thema bestätigte die erhöhten Narkolepsie-Zahlen bei den geimpften Kindern und Jugendlichen.

Ein Zusammenhang mit dem Wirkverstärker sei jedoch nicht nachgewiesen, erklärt PEI-Sprecherin Susanne Stöcker per E-Mail: „Die Vermutung, dass der Wirkverstärker in Pandemrix die Ursache für die sehr seltene Nebenwirkung Narkolepsie war, hat sich bis heute nicht bestätigt. Zudem war der Grippeimpfstoff Fluad (für Menschen über 65) mit dem ebenfalls squalenhaltigen Wirkverstärker MF59 schon seit 1997 millionenfach im Einsatz gewesen, ohne dass Narkolepsiefälle gemeldet worden wären.“

Pandemrix war ein Impfstoff speziell gegen die sogenannte Schweinegrippe und ist aktuell nicht mehr in der EU zugelassen.

2. Behauptung: In Afrika seien Impfungen Stoffe hinzugefügt worden, die mehr als eine Million Frauen bis zu zehn Jahre unfruchtbar machten.

Die Behauptung, in Afrika seien Frauen durch Impfungen unfruchtbar gemacht worden, kursiert schon seit vielen Jahren und ist falsch. Die Aussage in dem Facebook-Beitrag ist sehr allgemein gehalten, bezieht sich aber mutmaßlich auf Tetanus-Impfungen in Kenia. 

Die katholische Kirche dort hatte behauptet, in Tetanus-Impfstoffen 2014 das Hormon HCG nachgewiesen zu haben. Die Kombination mache Frauen angeblich unfruchtbar. Die Kirche hatte sechs Ampullen in Laboren untersuchen lassen. In dreien sei angeblich das Hormon gefunden worden. 

An den Vorwürfen war jedoch nichts dran. Wie die Faktenchecker von Africa-Check 2017 berichteten, bezeichneten Labore, die mit der Untersuchung der ersten Proben beauftragt worden waren, ihre eigenen Analysen als fehlerhaft. 

Die Kirche habe die Ergebnisse falsch interpretiert, sagte der Leiter eines der Labore, Ahmed Kalebi, laut einem Medienbericht. Die Proben seien seinem Labor als menschliches Gewebe präsentiert worden, nicht als Impfstoff – daher seien unpassende Testmethoden angewendet worden. Ähnlich äußerte sich ein weiterer Laborleiter, Andrew Gachii, laut einem Bericht von Business Daily

WHO und Kenias Gesundheitsministerium widersprachen dem Vorwurf

In einer Pressemitteilung schrieb die WHO 2014, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ Der Impfstoff sei seit 40 Jahren im Einsatz, habe zu einer Verbesserung der Überlebensrate von Neugeborenen geführt, und es gebe keine Anzeichen, dass die Impfung Frauen oder Föten schade.

Das kenianische Gesundheitsministerium schrieb in einer Pressemitteilung 2017, man habe nach den Vorwürfen ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. Es seien Impfstoff-Proben gesammelt worden, um, sie untersuchen zu lassen. Dabei sei festgestellt worden, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 

Und auch Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) erklärte 2015 in einer Pressemitteilung, die erste Untersuchung der Impfstoff-Proben in Kenia sei fragwürdig gewesen, da ungeeignete Testmethoden verwendet worden seien. Selbst wenn HCG vorhanden gewesen wäre, hätte die Dosierung nicht ausgereicht, um einen Verhütungseffekt zu haben. 

Und: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das bestätigen. Wir wissen von keinen Daten dieser Art.“ (Der Link zur Pressemitteilung, der von Africa Check genutzt wurde, funktioniert nicht mehr, ist aber archiviert verfügbar.)

3. Behauptung: Nach einer Impfkampagne von Bill Gates sei es in Indien bei mehr als 450.000 Kindern zu Impfschäden gekommen.

Für die Behauptung, nach einer Impfkampagne von Bill Gates hätten mehr als 450.000 Kinder Schäden erlitten, gibt es keine Belege. Es werden erneut keine konkrete Angaben gemacht, sie bezieht sich aber mutmaßlich auf irreführende Informationen über Polio-Impfungen in Indien, die seit Jahren im Netz kursieren. Angeblich sollen die Impfungen Lähmungen bei tausenden Kindern verursacht haben. 

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung angeschlossen hat. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff (Schluckimpfung).

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 gemeldete Fälle im Jahr 2019. 

Viren aus Polio-Impfstoffen können mutieren

In seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus“ (cVDPV).

Die Fallzahlen sind jedoch gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es 2020 weltweit bisher 81 Fälle „wilder Polio“ und 194 Fälle von „Impfstoff-Polio“ (Stand: 9. Juli 2020). Als „wilde Polioviren“ werden normale Polioviren bezeichnet, die nicht aus Impfstoffen stammen.

Insgesamt 17 Fälle von „Impfstoff-Polio“ in Indien seit 2009 

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 von der WHO für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). 

Daten der WHO für Indien zeigen die Fälle von „wilder Polio“ und cVDPV von 2000 bis 2020. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

Woher kommt also die angebliche Zahl von „über 450.000 Kindern mit Impfschäden“? Sie beruht mutmaßlich auf einer irreführenden Interpretation einer Studie von August 2018. Darin geht es um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio zwischen 2000 und 2017 in Indien (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). 

Die Wissenschaftler merkten an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre und spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte. Für einen Nachweis sei aber mehr Forschung nötig. 

Keine Belege für Zusammenhang von AFP-Fällen mit Polio-Impfung

Ein Zusammenhang könnte allenfalls indirekt sein, denn in diesen 491.000 Fällen wurden explizit keine Polioviren nachgewiesen – das sagt bereits der Begriff „Nonpolio Acute Flaccid Paralysis“. Es waren also weder wilde Polioviren noch Impfstoff-Viren vorhanden. 

Acute Flaccid Paralysis (AFP) ist definiert als eine Lähmung mit unbekannter Ursache, bei der Polio-Verdacht besteht (PDF, Seite 12). Wird ein AFP-Fall in Indien registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). So steht es auch auf der Webseite der Polio Eradication Initiative

Für die Behauptung, es habe „450.000 Impfschäden“ durch Impfungen in Indien gegeben, gibt es demnach keine Belege. Die WHO hat auch eine andere Erklärung für den Anstieg der registrierten AFP-Fälle: Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten, schreibt uns die WHO-Pressestelle per E-Mail. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ 

4. Behauptung: Bill Gates wolle durch Impfungen eine Reduktion der Weltbevölkerung um 15 Prozent erreichen.

Die Behauptung, Bill Gates wolle die Weltbevölkerung durch Impfungen um 15 Prozent reduzieren, ist, wie die anderen, mehrere Jahre alt und wird oft wiederholt. Sie ist jedoch falsch. Wie wir bereits 2017 in einem Faktencheck recherchiert haben, beruht sie auf einer verzerrten Interpretation eines Zitat von Bill Gates. Bei einem Vortrag von 2010 sagte Gates (etwa ab Minute 4:20):

„Zuerst haben wir die Bevölkerung. Heute leben 6,8 Milliarden Menschen auf der Welt. Es geht auf etwa 9 Milliarden zu. Wenn wir sehr erfolgreich mit neuen Impfstoffen, der Gesundheitsversorgung und Reproduktionsmedizin sind, könnten wir das wohl um 10 Prozent bis 15 Prozent senken, aber zur Zeit sehen wir eine Steigung um 1,3.“

Gates sprach also von einer Reduktion des Bevölkerungswachstums – nicht davon, die aktuelle Bevölkerung zu dezimieren. Auf der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation heißt es explizit, die Stiftung wolle mit Impfungen und anderen Gesundheitsprogrammen in Entwicklungsländern Leben retten. 

Auszug aus der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie das nach Ansicht von Gates mit einem langsameren Bevölkerungswachstum zusammenhängt, erklärt ein Schreiben der Stiftung von 2009. Darin steht: „Eine überraschende Erkenntnis war für uns, dass die Verringerung der Zahl der Todesfälle das Bevölkerungswachstum tatsächlich reduziert. […] Im Gegensatz zur malthusianischen Sichtweise, dass die Bevölkerung wächst, solange Kinder ernährt werden können, bekommen Eltern tatsächlich so viele Kinder, dass die Chancen hoch genug sind, dass einige von ihnen überleben, um sie im Alter zu unterstützen. Wächst die Zahl der Kinder, die das Erwachsenenalter erreichen, können Eltern dieses Ziel erreichen, ohne so viele Kinder zu bekommen.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Zwei der vier Behauptungen sind falsch, eine ist teilweise falsch und eine unbelegt. 

Facebook-Video von Adriana Borgo aus dem Krankenhaus in Brasilien
Das Video wurde am 4. Juni 2020 von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo gedreht. Anfang Juli kursiert es dann mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Quelle: Adriana Borgo/Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Instagram wird ein Video aus Brasilien verbreitet, das ein angeblich völlig leeres Not-Krankenhaus für Covid-19-Patienten zeigt. Doch die Politikerin, die es aufgenommen hat, führte ihre Zuschauer in die Irre: Das Krankenhaus in São Paulo war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht leer – und ist es auch aktuell nicht.  

Am 8. Juli teilte das Profil „Die Corona Lüge“ auf Instagram ein Video einer Frau mit Mund-Nasen-Bedeckung, die durch ein provisorisches Krankenhaus läuft. Auf Portugiesisch ruft sie verärgert aus, es sei völlig leer. Das Video mit deutschen Untertiteln wurde bereits mehr als 11.800 Mal angesehen. Es führt jedoch in die Irre. In dem Krankenhaus in São Paulo im Anhembi Parque waren zum Zeitpunkt der Aufnahme zahlreiche Covid-19-Patienten.

CORRECTIV konnte mit Hilfe der brasilianischen Faktenchecker von Agência Lupa den Ursprung des Videos finden: Es ist ein Ausschnitt eines längeren Facebook-Live-Videos von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo am 4. Juni. Das Video war also zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf Instagram bereits einen Monat alt. 

Video aus dem Krankenhaus in Brasilien auf Instagram
Ausschnitt aus dem Video mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Screenshot: CORRECTIV)

Politiker drangen Anfang Juni in das Not-Krankenhaus in Brasilien ein

Adriana Borgo ist Mitglied des Parlaments des Bundesstaates São Paulo. In dem Video ruft sie sarkastisch, die Zuschauer sollten sich mal diese Massen an Erkrankten ansehen. Sie sagt außerdem, dass sie das provisorische Krankenhaus für Geldverschwendung halte, weil es dort ja gar keine Patienten gebe. 

Der Journalist Maurício Moraes von Agência Lupa hat bereits am 5. Juni einen Faktencheck zu diesem Thema veröffentlicht. Demnach seien einige Politikerinnen und Politiker am 4. Juni in ein großes Not-Krankenhaus eingedrungen, das im Parque Anhembi (einem Kongresszentrum) in São Paulo für Covid-19-Patienten eingerichtet wurde. Sie filmten unfertige, leere Teile des Gebäudes und behaupteten, es gebe keine Patienten. Eine Lokalzeitung aus São Paulo berichtete ebenfalls am 4. Juni darüber, dass die Abgeordneten in das Krankenhaus eingedrungen seien. Sie hätten behauptet, eine „Inspektion“ durchzuführen, und dass die Regierung von São Paulo über die Zahl der Fälle und Todesfälle lüge.   

Am 4. Juni lagen in dem Krankenhaus mehr als 400 Covid-19-Patienten

Die Darstellung im Video von Adriana Borgo ist irreführend. Sie filmte in einem Teil des Gebäudes, in dem keine Menschen waren. Am 4. Juni gab es jedoch mehrere hundert Patienten in dem Not-Krankenhaus. Der Faktencheck von Agência Lupa weist darauf hin, dass laut dem offiziellen Corona-Lagebericht für São Paulo vom 4. Juni an jedem Tag in diesem Krankenhaus (Anhembi) 407 Covid-19-Patienten lagen (PDF, Seite 2). Das städtische Gesundheitssekretariat von São Paulo veröffentlicht täglich Corona-Lageberichte

Ein anderes Facebook-Video von Adriana Borgo vom selben Tag zeigt sogar einige dieser Patienten – die Politikerinnen und Politiker haben also selbst gesehen, dass das Krankenhaus nicht komplett leer war. 

Facebook-Video Adriana Borgo Brasilien
Ihre „Inspektion“ führte die Politikerinnen und Politiker am 4. Juni auch in den Bereich des Krankenhauses, in dem Patienten lagen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das provisorische Krankenhaus im Anhembi Parque ist laut brasilianischen Medienberichten für 1.800 Patienten ausgelegt worden. So viele Betten wurden tatsächlich nicht gebraucht, deshalb werde die Anzahl verkleinert, schrieb die Seite Globo kürzlich (16. Juli). 

Aktuell 207 Patienten im Not-Krankenhaus

Die Patientenzahl in dem Krankenhaus schwankte im Juni und Juli. CORRECTIV überprüfte die Lageberichte für São Paulo stichprobenartig. Am 15. Juni lagen dort 272 Patienten. Am 1. Juli waren es 197. Aktuell liegen in dem Krankenhaus laut dem Lagebericht vom 21. Juli insgesamt 207 Patienten. 

Dem WHO-Lagebericht vom 21. Juli zufolge gibt es in Brasilien aktuell rund 2,1 Millionen bestätigte Corona-Infizierte und rund 79.500 Todesfälle. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Das Video von Adriana Borgo wurde auch in Italien als angeblicher Beleg verbreitet, dass eine „zweite Welle“ in Brasilien nicht existiere. Die Faktenchecker von Facta stuften es in einem Bericht Ende Juni ebenfalls als Falschinformation ein. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Not-Krankenhaus in Brasilien war nicht leer. Zudem wird auf Instagram verschwiegen, dass das Video bei Veröffentlichung schon einen Monat alt war.

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Im Netz wird unter anderem mit diesem Bild die falsche Behauptung verbreitet, der Virologe Anthony Fauci sei verheiratet mit der Schwester von Ghislaine Maxwell. Die Frau an seiner Seite ist jedoch nicht Christine Maxwell, sondern Christine Grady. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In Sozialen Netzwerken kursiert die Behauptung, der US-amerikanische Virologe Anthony Fauci sei verheiratet mit Christine Maxwell – der Schwester von Ghislaine Maxwell, einer Freundin von Jeffrey Epstein. Die Behauptung stimmt jedoch nicht; die Frau von Fauci heißt Christine Grady. 

Ein Facebook-Beitrag vom 6. Juli zeigt ein Bild des Virologen Anthony Fauci, einer dunkelhaarigen Frau und einen Wikipedia-Eintrag einer Frau namens „Christine Maxwell“. Die Frau an Faucis Seite sieht der Frau auf dem Foto bei Wikipedia ähnlich. „Christine Grady Maxwell, Schwester von Ghislaine Maxwell und Frau von Anthony Fauci“ steht auf dem Bild. 

Die Behauptung, Fauci sei mit Christine Maxwell verheiratet, ist falsch. 

Der Facebook-Beitrag wurde bisher 300 Mal geteilt; weitere identische Beiträge kursieren ebenfalls bei Facebook. Die falsche Behauptung, es handele sich um dieselbe Person, tauchte bereits in den USA auf, auf Twitter und Reddit und einer Seite namens Real Verified News, die sich fälschlich als Faktencheck-Webseite ausgibt. 

Facebook-Beitrag über angebliche Verbindung von Fauci und Christine Maxwell
Der Facebook-Beitrag mit der Behauptung, die Ehefrau des Virologen Anthony Fauci sei Christine Grady Maxwell. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Virologe Anthony Fauci wurde während der Corona-Krise auch über die Grenzen der USA hinaus bekannt, weil er sich vielfach öffentlich äußerte und vor der Pandemie warnte. Er ist der Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases

Ghislaine Maxwell ist die ehemalige Freundin US-amerikanischen Investmentbankers Jeffrey Epstein, dem laut Medienberichten vorgeworfen wird, jahrelang Sexualstraftaten gegen minderjährige Mädchen verübt zu haben. Epstein wurde 2019 festgenommen und kurz darauf tot in seiner Zelle gefunden. Maxwell wird beschuldigt, ihm bei seinen Taten geholfen zu haben. Auch sie wurde kürzlich festgenommen.

Ghislaine hat eine Schwester namens Christine Maxwell. Laut ihrem Wikipedia-Eintrag, der in dem Facebook-Beitrag auch gezeigt wird, ist diese jedoch verheiratet mit Roger Malina, einem Professor an der Universität Texas in Dallas

Anthony Fauci ist verheiratet mit der Bioethikerin Christine Grady

Anthony Faucis Frau heißt Christine Grady und ist Bioethikerin. Sie wurde im April 2020 zum Beispiel von CNBC interviewt. Sie ist außerdem die Leiterin des Instituts für Bioethik des National Institute of Health. Nach eigenen Angaben wuchs sie in New Jersey auf. 

Christine Grady
Christine Grady, die Frau von Anthony Fauci, ist Leiterin des Instituts für Bioethik des National Institute of Health. (Screenshot: CORRECTIV)

Christine Maxwell ist Internet-Unternehmerin und Autorin

Christine Maxwell wurde laut Wikipedia in Frankreich geboren, eine Primärquelle konnten wir dafür allerdings nicht finden. Sie lebe mit ihrem Mann, Roger Malina, in Dallas, schrieb der Telegraph kürzlich. Sie arbeitet ebenfalls an der University of Texas at Dallas. Ihrem Profil auf der Webseite der Universität zufolge ist ihr Doppelname nicht „Christine Grady Maxwell“, wie in dem Facebook-Beitrag behauptet wird, sondern „Christine Malina-Maxwell“. Sie sei „Internet-Pionierin“ und Autorin. 

Tatsächlich gibt es zum Beispiel einen Bericht in der L.A. Times von 1996 über sie, in dem es heißt, sie habe gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihrer Zwillingsschwester Isabel Maxwell 1993 eines der ersten Internetverzeichnisse veröffentlicht. Ihr Internet-Startup wird auch in ihrem offiziellen Lebenslauf erwähnt. Die französische Zeitung Libération veröffentlichte 1995 ein Porträt über sie. 

Christine Maxwell
Christine Maxwell arbeitet an der Universität Texas in Dallas. (Screenshot: CORRECTIV)

Die beiden Personen – Christine Grady und Christine Maxwell – haben also nichts gemeinsam außer dem Vornamen, ähnlichem Alter und Aussehen. Ihre Lebensläufe weisen keine Parallelen auf. So hat Grady ihrem offiziellen Lebenslauf zufolge in den 70er-Jahren an der Georgetown University studiert – zu dieser Zeit lebte Maxwell in England und arbeitete dort als Lehrerin. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Anthony Fauci ist nicht mit Christine Maxwell verheiratet. 

Angela Merkel trifft Ursula von der Leyen im Januar 2020
Auf Facebook werden Bilder eines Treffens von Angela Merkel und Ursula von der Leyen verbreitet mit der Behauptung, die Kanzlerin halte sich nicht an die Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung. Die Aufnahmen stammen jedoch von Januar 2020 – so wie auch das von uns verwendete Foto. (Symbolfoto: Kay Nietfeld / dpa)

von Alice Echtermann

Immer wieder kursieren im Netz Bilder von Politikern, auf denen diese sich angeblich nicht an die Corona-Abstandsregeln halten. Oft handelt es sich um alte Aufnahmen – so auch bei einem Treffen von Angela Merkel und Ursula von der Leyen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen treten Arm in Arm eingehakt aus einem Gebäude: Dieses Bild wurde am 1. Juli auf Facebook verbreitet mit dem Kommentar: „Die verlogene Abstandsheuchelei der Gottkanzlerin“. Der Beitrag wurde mehr als 1.100 Mal geteilt. 

Wie eine Recherche von CORRECTIV zeigt, führt der Beitrag in die Irre, da das Treffen zwischen Merkel und Von der Leyen vor Einführung der Corona-Abstandsregeln entstanden ist.

Die Bilder von Merkel und Von der Leyen entstanden im Januar

Der Beitrag suggeriert, Angela Merkel würde sich nicht an die Corona-Abstandsregeln halten. Das Bild entstand jedoch am 18. Januar 2020 – viele Wochen vor der Einführung des Sicherheitsabstands in Deutschland. Diese Regel wurde erst am 22. März von Merkel und den Ministerpräsidenten beschlossen. 

Facebook-Beitrag über Merkel und Von der Leyen
Der Facebook-Beitrag vom 1. Juli. (Screenshot am 6. Juli und Schwärzung: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche nach dem Foto von Merkel und Von der Leyen führt zu einem Youtube-Video vom 18. Januar 2020. Dort ist die Szene zu sehen, als Quelle wird das ZDF angegeben. Und tatsächlich sendete das ZDF diese Bilder in den Nachrichten am 18. Januar. Merkel und Von der Leyen hatten sich demnach im Rahmen der Libyen-Konferenz in Berlin getroffen. 

 

CORRECTIV hat in den vergangenen Wochen mehrere Beiträge überprüft, in denen Politikerinnen und Politikern – und speziell Angela Merkel – vorgeworfen wurde, sich selbst nicht an die Corona-Regeln zu halten. Es handelte sich jedoch in allen Fällen um alte Aufnahmen (zum Beispiel hier und hier). 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Aufnahme von Angela Merkel und Ursula von der Leyen entstand vor der Einführung der Corona-Abstandsregeln. 

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Dieses Foto eines Arbeitsplatzes wird derzeit im Netz verbreitet; die Person, die es angeblich gemacht hat, behauptet, beim WDR zu arbeiten. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Eine Person, die angibt, beim WDR zu arbeiten, behauptet im Netz: Am 8. Juli werde ein neuer Lockdown verhängt, und der Sender habe deshalb Anweisungen erhalten, von hohen Corona-Fallzahlen zu berichten. Nach Aussage des WDR und des Bundesgesundheitsministeriums handelt es sich um eine Falschinformation.

Auf Whatsapp und Facebook kursiert eine Nachricht von einer Person, die behauptet, beim WDR zu arbeiten. Sie behauptet, am Mittwoch, 8. Juli, werde ein „zweiter Lockdown“ gestartet. Deshalb sei der WDR „gezwungen, in den nächsten beiden Tagen exorbitant hohe neue Coronazahlen zu melden“. Gezeigt wird außerdem ein Foto eines Arbeitsplatzes mit zwei Computermonitoren; auf dem linken ist das Logo des WDR zu sehen. 

Es existieren mehrere Facebook-Beiträge dazu, alle sind von Montagabend (6. Juli) und wurden bereits mehrere hundert Male geteilt (hier, hier und hier). Sie enthalten teils Hinweise darauf, dass die Nachricht aus dem Messenger-Dienst Telegram kopiert wurde. CORRECTIV wurde das Bild von Leserinnen und Lesern außerdem bei Whatsapp zur Überprüfung zugesandt. 

In den Kommentaren auf Facebook zeigten sich viele Nutzer bereits skeptisch, ob die Nachricht authentisch ist. Tatsächlich handelt es sich nach Angaben des WDR und des Bundesgesundheitsministeriums um eine Falschmeldung. CORRECTIV konnte nirgends Hinweise darauf finden, dass die Informationen in dem Beitrag stimmen. 

Facebook-Nachricht über WDR
Einer der Facebook-Beiträge mit der Nachricht, die offenbar aus einem Messengerdienst stammt. (Screenshot am 7. Juli und Schwärzung: CORRECTIV)

Das Foto in dem Beitrag wirkt, als sei es in der Redaktion des WDR aufgenommen worden. Tatsächlich passt die Einrichtung ungefähr zu der des Newsrooms des WDR in Köln, die in diesem Video zu sehen ist. Mit Sicherheit lässt sich das aber nicht sagen. 

David Hebing, Pressesprecher des WDR schreibt CORRECTIV am Dienstag auf Anfrage per E-Mail zu dem Beitrag: „Inhaltlich ist da überhaupt nichts dran. Das ist ein Fake, der in verschiedenen geschlossenen Gruppen kursiert ist.“ Zu weiteren Fragen könne man aber noch keine Auskünfte geben. 

Gesundheitsministerium dementiert: Keine Pläne für „zweiten Lockdown“

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, teilt uns per E-Mail mit, die Informationen in dem Beitrag seien falsch: Es gebe keine Pläne, am Mittwoch einen neuen „Lockdown“ zu verhängen, und auch keine Anweisungen an den WDR, auf eine bestimmte Art zu berichten. „Die Verhängung von Maßnahmen liegt in der Zuständigkeit der Bundesländer. Bundesweit strengere Maßnahmen, also ähnliche / gleiche Maßnahmen vieler Bundesländer zugleich sind vorstellbar, wenn es in sehr vielen Regionen mehr als 50 Neuinfektionen / pro 100.000 Einwohnern / letzte 7 Tage gibt. Derzeit ist dies nur in einer Region der Fall.“

E-Mail BMG über Lockdown
Die E-Mail des Bundesgesundheitsministeriums am Dienstag, 7. Juli, an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Webseite des WDR finden sich seit Montag keine auffälligen Berichte über hohe Zahlen von Neuinfektionen. Auch in den vom WDR aufgearbeiteten Corona-Daten für Nordrhein-Westfalen sind keine Anstiege zu erkennen; die Zahl der Neuinfektionen wird dort seit Ende Juni als sinkend angegeben. Und auch im Corona-Liveticker des WDR wird nicht über steigende Fallzahlen berichtet.  

Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt laut Gesundheitsministerium keine Pläne für einen „zweiten Lockdown“. Ob die Person, die die Falschinformation verbreitet hat, wirklich beim WDR arbeitet, ist unklar. 

PCR-Tests
Immer wieder wird behauptet, die PCR-Tests auf SARS-CoV-2 wären nicht zuverlässig. Jetzt sollen sie angeblich verantwortlich sein für die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen. (Symbolbild: Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild/ZB)

von Alice Echtermann

Stecken hinter der großen Anzahl an Corona-Infizierten in Schlachthöfen falsche Testergebnisse? Unter anderem in Sozialen Netzwerken wird aktuell behauptet, dass dafür eine Kreuzreaktionen auf andere Coronaviren verantwortlich sei, zum Beispiel von Rindern. Das ist falsch.

Unter anderem in einem Video des Youtubers Samuel Eckert vom 21. Juni wird angedeutet, dass die PCR-Tests für SARS-CoV-2 auf andere Arten von Coronaviren, die bei Tieren wie Schweinen oder Rindern vorkommen, anspringen würden. Anlass der Debatte war der Corona-Ausbruch bei dem Schlachtbetrieb Tönnies

Das Video wurde fast 40.000 Mal angeklickt. Eckert bezieht sich darin unter anderem auf den Arzt Wolfgang Wodarg, der bereits vor Wochen mit der Behauptung aufgefallen war, die PCR-Tests seien angeblich nicht zuverlässig. Auf seiner Webseite stellte Wodarg am 18. Juni die Suggestivfrage: „Kann es sein, dass die vielen SARS-CoV-2-PCR-Positiven auf Schlachthöfen eine Folge von Kreuzreaktionen auf die in der Veterinärmedizin üblichen Corona-Impfungen sind?“ Schließlich würden ja Schlacht- und Haustiere gegen verschiedene Coronaviren geimpft. 

Spekulationen über Zuverlässigkeit des PCR-Tests

Ganz ähnlich heißt es auch in einem Facebook-Beitrag (23. Juni): „Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass die Tests fälschlicherweise auf die Rindercoronaviren reagieren, als dass es weltweit Hotspots in Schlachthöfen gibt?“ In einem Artikel des Blogs Die Achse des Guten wird unter anderem die These formuliert, dass der PCR-Test auf Bestandteile von Coronaviren von Rindern positiv reagiert. Gegenargumente werden in dem Artikel nicht berücksichtigt. Und in einem Artikel der österreichischen Seite Mein Bezirk vom 23. Juni über die Schlachthof-Ausbrüche wird über „mögliche Fehldiagnosen von Rinder-Coronaviren“ spekuliert. All diese Behauptungen zielen darauf ab, dass in den Schlachthöfen angeblich kein SARS-CoV-2 ausgebrochen ist und alles auf einem Irrtum beruht. 

CORRECTIV ist der Frage nachgegangen, ob der PCR-Test, der für SARS-CoV-2 verwendet wird, auf andere Coronaviren von Nutztieren positiv reagieren könnte. Sie lässt sich nach übereinstimmender Aussage von Experten mit Nein beantworten. Coronaviren von Rindern, Schweinen oder Hühnern befallen keine Menschen. Sie sind genetisch sehr verschieden von SARS-CoV-2 – deshalb kann der PCR-Test, der aktuell an Menschen verwendet wird, auf sie nicht positiv reagieren. 

Der Facebook-Beitrag vom 23. Juni. (Screenshot am 1. Juli: CORRECTIV)

Nutztiere werden gegen andere Coronaviren geimpft

Es stimmt, dass es viele Coronaviren gibt, die bei verschiedenen Tierarten vorkommen. Einige bekannte Coronaviren lösen auch Erkältungen beim Menschen aus. Die Viren sind genetisch verschieden, obwohl sie zur selben Familie gehören. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI), Elke Reinking, per E-Mail mit, in Deutschland gebe es zugelassene Impfstoffe für Rinder und Geflügel – gegen das Bovine Coronavirus und das Virus der Infektiösen Bronchitis der Hühner. Zudem sei ein Impfstoff gegen das Feline Coronavirus zugelassen, das Katzen befällt. Das FLI ist das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. 

„Die bei Nutztieren vorkommenden Coronaviren sind genetisch weit entfernt von den beim Menschen zu schweren Erkrankungen führenden Coronaviren“, erklärt Reinking. Daher sei eine Übertragung auf Menschen sehr unwahrscheinlich. Schweine und Hühner seien zudem nicht empfänglich für SARS-CoV-2, das hätten mehreren Arbeitsgruppen weltweit, darunter auch am Friedrich-Loeffler-Institut, gezeigt. „Die Empfänglichkeit von Rindern gegenüber SARS-CoV-2 wird derzeit geprüft.“  

Friedrich-Löffler-Institut über PCR-Tests
Die E-Mail der Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Behörden: PCR-Tests zeigen keine Kreuzreaktionen mit Coronaviren von Nutz- und Haustieren

Beim PCR-Test auf SARS-CoV-2 werden mit Abstrichen Proben direkt aus den Atemwegen eines Menschen entnommen. Dass der PCR-Test auf andere Coronaviren von Nutztieren oder die Impfstoffe reagieren könnte, verneint FLI-Sprecherin Reinking. „Die vorhandenen PCR-Tests erkennen SARS-CoV-2 sehr zuverlässig und spezifisch. Sie zeigen keine Kreuzreaktionen mit anderen Coronaviren der Nutz- und Haustiere.“ 

Gleiches teilte uns Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, auf unsere Anfrage per E-Mail mit: „Bei PCR-Tests bei Menschen werden Erbgut-Regionen nachgewiesen, die nur bei SARS-CoV-2-Viren vorkommen, nicht bei anderen Coronaviren des Menschen oder bei Tieren. Daher kann es nicht zu falsch-positiven Befunden infolge der Impfung von Tieren gegen Coronaviren kommen.“ 

Virologe: Nachweis von Impfstoff-Viren nicht möglich

Wir wollten es genau wissen und fragten auch beim Institut für Virologie der Universitätsmedizin Mainz nach. Der Molekularbiologe Niels Lemmermann antwortete uns, dass die von der WHO empfohlenen sogenannten Primer (die bei einem PCR-Test genutzt werden, um SARS-CoV-2 nachzuweisen) spezifisch an das Genom dieses Virus binden. Bei einzelnen nah verwandten Fledermausviren könne es tatsächlich Kreuzreaktionen geben, da diese sich genetisch nur zu wenigen Prozent unterscheiden würden. „Dies ist aber anders bei den bekannten pathogenen tierischen Coronaviren und den entsprechenden Impfviren von Kuh, Schwein Katze, Hund und Geflügel. Diese haben deutlich größere Unterschiede in den Nukleotidsequenzen [der genauen Abfolge der Bestandteile des Virus-Erbguts, Anm. d. Red.], so dass die WHO Primer/Sonden nicht an diese binden und daher die entsprechenden Viren auch nicht nachweisen können.“

Darüber hinaus wäre es für einen positiven Nachweis von tierischen Coronaviren beim Menschen nötig, dass sie damit im Nasen- oder Rachenraum infiziert sind, erklärt Lemmermann weiter. Das sei sehr unwahrscheinlich, da diese Viren keine passenden Rezeptoren für Menschen hätten. Geimpfte Tiere seien zudem nicht infektiös – und kranke Tiere wären in der Regel nicht auf Schlachthöfen anzutreffen, da sie nicht transportfähig seien. Auch ein Nachweis von Viren aus Impfstoffen durch den PCR-Test sei nicht möglich, da die Impfungen abgeschwächte Viren oder Proteine beinhalten. In ersterem Fall sei das Genom der Viren schon wenige Tage nach der Impfung nicht mehr im Tier nachweisbar. Und Proteine könnten durch einen PCR-Test rein technisch nicht nachgewiesen werden. 

E-Mail Lemmermann
Auszug aus der E-Mail von Niels Lemmermann vom Institut für Virologie der Universität Mainz an CORRECTIV, in dem er seine Erklärungen kurz zusammenfasst. (Screenshot: CORRECTIV)

Zitat von Christian Drosten falsch interpretiert

Youtuber Samuel Eckert behauptet in seinem Video (ab Minute 3:50), Christian Drosten, der Leiter des Instituts für Virologie der Berliner Charité habe „zugegeben“, dass der PCR-Test Kreuzreaktionen zeige. Er spielt dazu ein Zitat vor, in dem Drosten sagt: „Und rein theoretisch würde dieser Test auch gegen eine ganze Reihe von Fledermaus-Coronaviren reagieren, aber die gibt es auch nicht beim Menschen. […] Es gibt zum Beispiel ein Coronavirus beim Menschen, ein Erkältungs-Coronavirus, da würde der Test auf jeden Fall auch kreuzreagieren, gegen ein Coronavirus des Rindes, das beim Rind Durchfall macht, diese Viren sind sehr ähnlich. Und noch ein anderes, das würde kreuzreagieren gegen ein Coronavirus des Kamels. […]“ 

Dieses Zitat ist jedoch kein Beleg für die These, denn Drosten spricht in Bezug auf das Rinder-Coronavirus eindeutig von einem anderen Test für ein anderes Erkältungs-Coronavirus beim Menschen (NDR-Podcast Folge 16, Transkript Seite 3). Es ist also nicht der PCR-Test auf SARS-CoV-2 gemeint. 

Eckert lässt zudem Drostens vorherige Erklärungen weg, in denen der Virologe betonte: „Dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen und gegen kein anderes Erkältungsvirus des Menschen.“ Nur auf das alte SARS-Coronavirus und Fledermaus-Coronaviren würde der Test theoretisch reagieren, doch diese kämen nicht oder nicht mehr beim Menschen vor. 

Familie der Coronaviren hat verschiedene Gruppen

Der Test kann nur auf Viren kreuzreagieren, die sehr nah mit SARS-CoV-2 verwandt sind. Elke Reinking vom Friedrich-Löffler-Institut erklärt, die Coronavirus-Familie werde aufgrund ihrer genetischen Eigenschaften in Gruppen von Alpha bis Delta eingeteilt. SARS-CoV-2 gehöre zur Betagruppe, das bei Schweinen vorkommende PEDV (Epidemische Virusdiarrhoe der Schweine) zur Alphagruppe, und Coronaviren bei Vögeln seien der Gamma- und Deltagruppe zuzuordnen. 

Insgesamt gibt es sieben bekannte Coronaviren, mit denen sich Menschen infizieren können, darunter das erste SARS-Virus (SARS-CoV oder SARS1), das MERS-Virus und das aktuelle SARS-CoV-2. Sie sind alle Beta-Coronaviren. Bei SARS wird vermutet, dass die Viren sich von Fledermäusen auf Menschen übertragen haben. Die vier anderen Erkältungs-Coronaviren beim Menschen (229E, NL63, OC43 und HKU1) gehören entweder zur Alpha- oder Beta-Gruppe.  

Eine genetische Einordnung von SARS-CoV-2 in die Familie der Coronaviren auf der Seite Ecohealth Alliance von Januar 2020 zeigt, dass das neue Coronavirus sich nah bei den Fledermaus-Coronaviren befindet, und sehr nah an dem ersten SARS-Virus. Bovine Coronaviren von Rindern dagegen befinden sich in einem ganz anderen Cluster.

Stammbaum der Coronaviren
Analyse der Familie der Coronaviren mit Verortung von SARS-CoV-2 (rot). Bovine Coronaviren, die Rinder befallen, sind demnach genetisch weit von SARS-CoV-2 entfernt (im zweiten Cluster von oben). Nah verwandt sind dagegen Fledermaus-Coronaviren. (Quelle: Ecohealth Alliance, Januar 2020 / Screenshot: CORRECTIV)

Laut der Cluster-Analyse sind Rinder-Coronaviren recht eng verwandt mit einem der anderen Erkältungs-Coronavirus, das Menschen infiziert: HCoV-OC43 (ebenfalls ein Beta-Coronavirus). Einem Artikel im Journal Virus Taxonomy von 2012 zufolge wird vermutet, dass dieses Virus erstmals von Rindern auf Menschen übertragen wurde. Es ist also wahrscheinlich, dass Christian Drosten im Podcast dieses Erkältungs-Virus OC43 meinte, als er von einer Kreuzreaktion mit einem Rinder-Coronavirus sprach. 

Auch von den anderen menschlichen Erkältungs-Coronaviren kann der PCR-Test SARS-CoV-2 übrigens sehr zuverlässig unterscheiden. Das zeigt zum Beispiel ein Ringversuch der Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien (Instand) und eine Studie im Journal of Clinical Virology von Juli 2020

Weitere irreführende Aussage im Video zu Rechtsmediziner Klaus Püschel

Um seine Argumentation, die Ausbrüche von SARS-CoV-2 in Schlachthöfen seien kein Grund, sich Sorgen zu machen, insgesamt zu stützen, zitiert Youtuber Samuel Eckert auch noch den Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel: Dieser habe gesagt, dass von den Patienten, die er obduziert habe, „noch keiner an Corona gestorben“ sei (im Video ab Minute 5:46). 

Das hat Püschel so allerdings nicht gesagt, und die Aussage selbst ist auch falsch. Klaus Püschel ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und sagte vor Wochen gegenüber Medien, dass die Patienten aus Hamburg, die er obduziert habe, alle schwere Vorerkrankungen gehabt hätten. Auf der Webseite der Stadt ist aktuell nachzulesen, dass bei 231 Todesfällen Covid-19 „als todesursächlich festgestellt“ worden sei (Stand 30. Juni). Das RKI meldet im Lagebericht für den 30. Juni für Hamburg 259 Todesfälle, somit war die Infektion mit dem Coronavirus bei rund 89 Prozent bisher nachweislich die Todesursache. 

Fazit

Die Spekulationen von Samuel Eckert in seinem Youtube-Video führen also in die Irre, ebenso wie die von Wolfgang Wodarg. Kreuzreaktionen der PCR-Tests mit anderen tierischen Coronaviren sind laut Experten ausgeschlossen. Oder, anders gesagt: Es ist nicht „wahrscheinlicher, dass die Tests fälschlicherweise auf die Rindercoronaviren reagieren, als dass es weltweit Hotspots in Schlachthöfen gibt“, wie es in dem Facebook-Beitrag behauptet wird. Der PCR-Test kann das Virus SARS-CoV-2 von anderen Coronaviren unterscheiden.

Update, 16. Juli 2020: Nach Veröffentlichung dieses Artikels wurden wir aufmerksam auf einen weiteren Text des Blogs Die Achse des Guten, der ebenfalls zentral die These aufstellt, dass die PCR-Tests auf Bestandteile von Rinder-Coronaviren positiv reagieren können. Wir haben einen Hinweis auf diesen Artikel in unserem Faktencheck ergänzt.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die PCR-Tests reagieren nicht positiv auf Coronaviren von Nutztieren.

Renten in Deutschland
In vergleichenden Statistiken zu Rentenersatzquoten in verschiedenen Ländern liegt Deutschland anders als behauptet nicht auf dem letzten Platz. (Symbolfoto: Sabine van Erp / Pixabay)

von Alice Echtermann

Auf Facebook behauptet ein Nutzer, Deutschland hätte die niedrigsten Renten in Europa, aber die Politiker würden gleichzeitig die höchsten Pensionen beziehen. Für keine der Aussagen gibt es Belege.

In einer Grafik, die auf Facebook seit dem 1. Februar schon mehr als 11.300 Mal geteilt wurde, wird behauptet, Deutschland habe die niedrigsten Renten in Europa, aber die höchsten Pensionen von Politikern. 

CORRECTIV hat diese zwei Behauptungen überprüft: Es gibt für sie keine Belege. Bei allen vorhandenen Statistiken zum Vergleich der Rentenleistungen in europäischen Ländern liegt Deutschland nicht auf dem letzten Platz. 

Facebook-Post
Der Facebook-Beitrag mit den Behauptungen. (Screenshot: CORRECTIV)

Höhe der Rente lässt sich international nur schwer vergleichen 

In dem Facebook-Beitrag wird nirgends eine Quelle für die Behauptung angegeben, Deutschland habe die niedrigsten Renten in Europa. Zudem ist nicht klar, was genau gemeint ist. Wenn von der Höhe der Renten gesprochen wird, wird aber oft das Rentenniveau herangezogen. Es lag 2019 in Deutschland bei 48,2 Prozent, wie CORRECTIV für einen anderen Faktencheck recherchiert hat. Datenbanken, in denen Zahlen für einen internationalen Vergleich aufgeführt sind, gibt es aber nicht. 

Auch zu einer Durchschnittsrente liegen keine europaweiten Daten vor und ein Vergleich von absoluten Zahlen (wie „1.500 Euro pro Monat“) wäre zudem nicht sinnvoll, weil diese stark vom Lohnniveau in dem jeweiligen Land abhängen. Zahlen von Eurostat zufolge liegt Deutschland beim Median-Nettoeinkommen von Menschen über 65 Jahren deutlich über dem EU-Durchschnitt. 

Vergleichende Statistiken speziell zu Renten gibt es aber zu den sogenannten Rentenersatzquoten der europäischen Länder. Zum Beispiel eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD, „Pensions at a Glance 2019“). Die Rentenersatzquote entspricht nicht dem aktuellen Rentenniveau, sondern beruht auf einer Modellrechnung anhand einer fiktiven Rentenkarriere

Sie beschreibt das Verhältnis der Rente zu dem vorherigen Einkommen in Prozent. Die Netto-Quote spielt hier laut OECD eine größere Rolle für den Einzelnen als die Brutto-Quote. Denn sie zeige, wie viel Geld eine Person im Rentenalter im Vergleich zu vorher tatsächlich ausgeben kann (PDF „Pensions at a glance 2019“, Seite 154). Für einen Durchschnittsverdiener liegt die Netto-Ersatzquote in Deutschland laut OECD bei 51,9 Prozent (Seite 155). 

Deutschland hat laut OECD keine hohe, aber nicht die niedrigste Rentenersatzquote

Die Quote ist nicht besonders hoch. Im Ländervergleich wird aber deutlich, dass einige europäische Länder eine niedrigere Netto-Ersatzquote haben als Deutschland, zum Beispiel Norwegen, Griechenland, die Schweiz, Irland, Großbritannien oder Polen. 

net pension replacement
Vergleich der Netto-Rentenersatzquote in den OECD-Ländern – die Werte für Männer und Frauen in Deutschland sind in diesem Fall identisch. (Quelle: OECD, Screenshot: CORRECTIV)

Nicht alle europäischen Länder sind Mitglied der OECD. Wir haben deshalb auch bei Eurostat die dort verfügbaren Daten zu den Rentenersatzquoten erfragt und die Werte für die „aggregierte Ersatzquote für Renten“ (aggregate replacement ratio for pensions) erhalten. Eine Sprecherin erklärte uns, die Daten zeigten das prozentuale Verhältnis der Median-Brutto-Rente von 65- bis 74-Jährigen zum Median-Brutto-Einkommen von 50- bis 59-Jährigen. Anders gesagt: Auch hier geht es wieder darum, wie viel Prozent vom vorherigen Einkommen man als Rente noch bekommt – allerdings dieses Mal brutto und nicht netto. Netto-Werte liegen bei Eurostat nicht vor. 

Die Daten für 2019 sind unvollständig, deshalb kann nur 2018 für einen Vergleich herangezogen werden. Auch hier liegt Deutschland im Vergleich der europäischen Länder mit 46 Prozent nicht auf dem letzten Platz, sondern im unteren Drittel.

aggregate replacement ratio
Ausschnitt aus der Tabelle mit Eurostat-Daten zur „Ersatzquote für Renten“ für 2018. Die Daten sind aufsteigend sortiert, zu sehen sind also die Länder mit den niedrigsten Werten. Deutschland liegt auf Platz neun. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptung, Deutschland hätte die niedrigsten Renten in Europa, lässt sich also mit keiner Statistik belegen. Verschiedene Vergleichswerte deuten aber darauf hin, dass die Renten in Deutschland nicht die niedrigsten in Europa sind. 

Generell sind die Rentensysteme für vereinfachte Vergleiche zu komplex: In jedem Land gibt es andere Modelle (Datenbank-Auswahl: All EU countries / Old age). Ein Faktor ist zum Beispiel, wie verbreitet private oder betriebliche Altersvorsorge ist. Laut OECD kann zum Beispiel ein Beitrag zu einer freiwilligen Rentenversicherung die Rentenersatzquote für Durchschnittsverdiener um durchschnittlich 26 Prozentpunkte anheben (Seite 31).

Ein anderer Faktor ist die Höhe der verpflichtenden Rentenbeitragszahlungen. Länder, in denen die Menschen von ihrem Arbeitslohn viel an die Rentenkasse abgeben müssen, hätten meist überdurchschnittlich hohe Rentenleistungen, schreibt die OECD. Das treffe zum Beispiel auf Frankreich, Island, Italien und die Niederlande zu (Seite 196).

Bekommen Politiker in Deutschland die höchsten Pensionen?

Auch bei der zweiten Behauptung des Facebook-Beitrags ist keine Quelle angegeben. Es ist unklar, welche Art von Politikern gemeint ist: Bundestagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete oder Mitglieder der Bundesregierung. 

Grundsätzlich lässt sich aus dem Gehalt eines Ministers oder Abgeordneten nicht ableiten, wie viel Rente er oder sie insgesamt bekommt. Denn die Person ist meist nicht ihr ganzes Berufsleben in der Regierung oder im Bundestag, sondern arbeitet vorher oder nachher in anderen Bereichen und zahlt dann gegebenenfalls in die Rentenversicherung ein. 

Wir werden hier beispielhaft auf die Regelungen für Politiker in Deutschland auf Bundesebene (Regierung und Bundestag) eingehen. 

Das Gehalt der Abgeordneten im Deutschen Bundestag beträgt seit dem 1. Juli 2019 10.083,47 Euro pro Monat (einkommensteuerpflichtig). Wie auf der Webseite des Bundestags nachzulesen ist, bekommen Abgeordnete eine sogenannte Altersentschädigung. „Denn für die Abgeordneten werden während der Mandatszeit keine Beiträge an die gesetzliche Rentenversicherung abgeführt.“ Nach dem ersten Jahr betrage die Entschädigung 2,5 Prozent des Abgeordnetengehalts. Mit jedem weiteren Jahr im Parlament steige sie um 2,5 Prozent. Der Höchstbetrag liege bei 65 Prozent und werde nach 26 Jahren erreicht.

Aus einer Auswertung der Bundesregierung von 2012 zur Altersversorgung von Abgeordneten in Deutschland geht hervor, dass ehemalige Bundestagsabgeordnete 2011 im Schnitt 3.004 Euro im Monat bekamen. „Die Angaben beziehen sich nur auf die Zeit der Abgeordnetentätigkeit und lassen keine Aussagen hinsichtlich der Gesamtversorgung zu.“ (PDF, Seite 61

Tabelle mit der durchschnittlichen Altersentschädigung für ehemalige Abgeordnete in Bund und Ländern von 2011 (Quelle: Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales von 2012, Seite 199 / Screenshot: CORRECTIV)

Ehemalige Regierungsmitglieder (Minister) bekommen ein sogenanntes Ruhegehalt. Dafür müssen sie das Mindestalter und die Mindestamtszeit von vier Jahren erfüllen (PDF, Seite 5). Es gilt laut Bundesministergesetz dieselbe Regelaltersgrenze wie für Beamte: 67 Jahre. Laut Bund der Steuerzahler bekommt ein Mitglied der Bundesregierung mit vier Jahren Dienstzeit eine Pension von knapp 4.557 Euro pro Monat. 

Das durchschnittliche monatliche Ruhegehalt für ehemalige Bundesminister lag 2011 laut dem Bericht der Bundesregierung (Seite 204) bei rund 4.565 Euro.

Die Tabelle zeigt das durchschnittliche Ruhegehalt von ehemaligen Regierungsmitgliedern 2011 (beim Bund ohne Parlamentarische Staatssekretäre). (Quelle: Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales von 2012, Seite 2014 / Screenshot: CORRECTIV)

Keine internationale Statistik verfügbar

Es gibt keine Statistik, die Zahlen wie diese für alle europäischen Länder vergleicht. Auf Nachfrage schrieb uns eine Pressesprecherin des Bundestags per E-Mail, man habe keine solche internationale Statistik. Bei der Recherche fanden wir lediglich einen Bericht von Euronews, der Gehälter von Abgeordneten in den nationalen Parlamenten der europäischen Länder für 2010 verglichen hat. Dem zufolge bekamen italienische Abgeordnete die höchsten Gehälter, gefolgt von Österreich und Deutschland. 

Die Sprecherin von Eurostat teilten uns auf Anfrage mit, eine vergleichende Statistik zu Renten von Abgeordneten oder Politikern sei nicht vorhanden. Deshalb ist die Behauptung in dem Facebook-Bild zu den Pensionen der Politiker nicht belegbar.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die Behauptungen sind nicht durch Statistiken belegt.

Video auf Facebook
Auf Facebook empören sich Nutzer über ein Video, das zeigt, wie eine Frau ältere Menschen schlägt. Es fehlt sämtlicher Kontext: Die Aufnahme ist jedoch viele Jahre alt und aus den USA. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Video geteilt, in dem eine Frau ältere Menschen schlägt, augenscheinlich in einer Pflegeeinrichtung. Es fehlt jedoch sämtlicher Kontext: Das Video stammt aus den USA und entstand mutmaßlich 2013.  

„Ehrt eure Alten und bringt die nicht in einem Pflegeheim“, schreibt ein Nutzer zu einem Video, das er am 24. Mai auf Facebook hochgeladen hat. Es zeigt mutmaßlich Aufnahmen einer Überwachungskamera. Man sieht eine Frau, die ältere Menschen in einem Raum mit Tischen schlägt. Auf einen Mann schlägt sie mehrfach mit einem Gegenstand wie einem Gürtel ein. Als ein weiterer, kräftiger Mann hinzu kommt, hilft er dem älteren Mann nicht, sondern schlägt ihn ebenfalls mehrfach mit der Hand. 

In den Kommentaren zeigen sich Nutzer entsetzt. Eine Frau schreibt: „Wo ist das aufgenommen worden? Schlimm…unsere Welt.“ Und eine andere kommentiert: „Diese Pflegekräfte sollten sofort zur Verantwortung gezogen werden.“ Das Video wurde mehr als 3.900 Mal geteilt. 

Dem Video fehlt sämtlicher Kontext. Es wird der Eindruck erzeugt, es sei aktuell und möglicherweise aus Deutschland. Nach Recherchen von CORRECTIV stimmt das nicht.

Das Video ist mutmaßlich bereits sieben Jahre alt und stammt aus den USA. Mit Hilfe einer Google-Bilder-Rückwärtssuche eines Screenshots aus dem Video fanden wir es in einem Video des Senders 11Alive. Dieser hatte Ausschnitte davon im Mai 2019 unter anderem auf Youtube veröffentlicht. Dem Beitrag zufolge soll das Video zeigen, wie eine Hausmeisterin einen Patienten in einer Einrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen in Georgia schlägt. Auch andere Seiten wie das britische Boulevardmedium Daily Mail berichteten darüber. Der Vorfall geschah demnach bereits 2013.

Video auf Youtube
Video des Senders 11Alive von Mai 2019 auf Youtube zeigt nach Angaben des Senders einen Vorfall 2013. (Screenshot: CORRECTIV)

Video wurde laut Medien von Familie des Opfers veröffentlicht 

Der Bericht von 11Alive auf der Webseite des Senders selbst war zum Zeitpunkt unserer Recherche nicht online abrufbar, archiviert lässt sich der Text jedoch noch lesen. Darin steht, die Familie des Patienten habe das Video veröffentlicht, und der Vorfall sei im November 2013 in einer Einrichtung namens „Total Care Personal Care“ in Gordon im Bundesstaat Georgia geschehen. 

Es gibt zudem weitere Medienberichte von 2014, in denen es heißt, die Einrichtung sei geschlossen worden, sowie von 2016 über eine Entschädigungssumme von 64,6 Millionen Dollar, die dem Opfer vor Gericht zugesprochen worden sei. In einem der Berichte über den Prozess steht, das Urteil sei gegen die Firma Columbus Medical Services, LLC gefällt worden, die Dienstleistungen in der Einrichtung in Gordon durchgeführt habe. Diese Firma, die offenbar Personal für Betreuung von Menschen mit Behinderungen vermittelt, gibt es noch. Zu der Einrichtung „Total Care Personal Care“ fanden wir jedoch nur einen alten Eintrag in einer Auflistung von Pflegeeinrichtungen des Georgia Department of Behavioral Health and Developmental Disabilities (DBHDD) von 2013.

Untersuchung ergab Hinweise auf Missbrauch und Vernachlässigung 

Das DBHDD ist eine Gesundheitsbehörde des Staates Georgia, mit einem Fokus auf mentale Gesundheit und Menschen mit Behinderungen. Auf Nachfrage teilte eine Sprecherin, Angelyn McDonald, CORRECTIV per E-Mail mit, das Department könne zur Echtheit des Videos keine Aussage treffen. Allerdings habe es nach den Vorwürfen gegen die Einrichtung tatsächlich eine Untersuchung gegeben, und man habe Hinweise auf Missbrauch und Vernachlässigung gefunden. Deshalb habe die Behörde die Zusammenarbeit mit der Firma beendet.  

E-Mail
Ausschnitt aus der E-Mail der Sprecherin des Georgia Department of Behavioral Health and Developmental Disabilities. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Das Video ist viele Jahre alt, es stammt aus den USA und zeigt ein Heim für Menschen mit geistigen Behinderungen. Sämtlicher Kontext fehlt in dem aktuellen Facebook-Beitrag, in dem es verbreitet wird. Gewalt gegen Menschen in Pflegeheimen, beziehungsweise Altersheimen, ist allerdings auch in Deutschland ein Problem. Immer wieder gibt es Medienberichte über Vorfälle, zum Beispiel berichtete der MDR im Mai 2020 über Gewalt gegen Bewohner einer Einrichtung in Hildburghausen. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Video wird ohne Kontext verbreitet. Es ist mutmaßlich sieben Jahre alt und stammt aus den USA.

George Floyd
George Floyds Tod war der Anlass weltweiter Proteste, wie hier in New York. Anschließend wurden im Netz Behauptungen verbreitet, die ihn diskreditieren sollten. (Symbolfoto: Marie Le Ble / ZUMA Wire / picture alliance)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Foto einer verletzten Frau verbreitet, um Stimmung gegen den getöteten George Floyd und die „Black Lives Matter“-Bewegung zu machen. Die Frau sei von Floyd und Komplizen geschlagen worden, wird behauptet. Das ist falsch. Das Bild zeigt eine Studentin, die 2018 in Madrid überfallen wurde.

Auf Facebook wurde am 21. Juni ein Foto geteilt, das eine verletzte Frau zeigt. Darüber steht, ihr Name sei Aracely Henriquez. Sie sei von George Floyd und fünf weiteren Männern „entführt und brutal geschlagen“ worden und zu diesem Zeitpunkt schwanger gewesen. Floyd habe ihr gedroht, ihr Kind zu töten. 

Der Beitrag wurde bis zum 24. Juni mehr als 800 Mal geteilt. Das Foto zeigt nach Recherchen von CORRECTIV jedoch nicht das, was behauptet wird. Es stammt aus Spanien, ist von 2018 und hat nichts mit dem Schwarzen George Floyd zu tun, der im Mai in Minneapolis, Minnesota, bei einem Polizeieinsatz getötet wurde. Ein weißer Polizeibeamter kniete dabei minutenlang auf seinem Hals – der Vorfall löste weltweit Proteste unter dem Slogan „Black Lives Matter“ aus. 

Aracely Henriquez ist der Name einer Frau, die tatsächlich 2007 Opfer eines Raubüberfalls wurde, an dem George Floyd beteiligt war. US-Medien haben zu dieser Vorstrafe Floyds bereits recherchiert. Auf dem Foto, das auf Facebook geteilt wird, ist jedoch nicht Henriquez zu sehen, sondern eine andere Frau aus Spanien.

Der Beitrag auf Facebook mit dem falschen Foto. (Screenshot am 23. Juni 2020, Verpixelung und Schwärzung: CORRECTIV)

Mit einer Bilder-Rückwärtssuche bei Google fanden wir das Foto der Frau in einem Medienbericht von 2018 auf der englischen Version der Webseite von El PaísDarin heißt es, die junge Frau sei eine US-amerikanische Studentin namens Andrea Sicignano, die in Madrid von einem Mann überfallen und vergewaltigt worden sei. Sie selbst hatte das Foto und den Vorfall im Dezember 2018 auf Facebook publik gemacht. Laut El País wurde der Verdächtige bereits wenig später festgenommen, das habe die Polizei mitgeteilt.

Am 12. Juni 2020 schrieb Sicignano auf Facebook, sie sei „angewidert“ davon, dass Menschen ihr Foto für „politische Propaganda“ benutzen.

Falsches Foto wurde zuerst im englischsprachigen Raum verbreitet 

Das Foto kursierte mit der falschen Beschreibung zunächst auf Englisch. Internationale Faktenchecker, zum Beispiel von Snopes (12. Juni), recherchierten ebenfalls, dass das Bild nicht Aracely Henriquez zeigt. 

Snopes hat zudem die Vorstrafen von George Floyd anhand von Gerichtsdokumenten analysiert und über den Raubüberfall 2007 berichtet. Demnach wird der Vorfall, bei dem George Floyd gemeinsam mit fünf Komplizen eine Frau überfiel, in dem Facebook-Beitrag verzerrt dargestellt. 

Snopes berichtete, Floyd und fünf weitere Männer seien im August 2007 in Henriquez’ Haus eingebrochen, während sie zu Hause war, und hätten Drogen und Geld gesucht. Floyd habe sie mit einer Pistole bedroht, die er ihr auf den Bauch setzte. Henriquez sei auch geschlagen worden, als sie um Hilfe rief. Es gibt jedoch laut Snopes keine Belege, dass sie schwanger war, oder dass Floyd drohte, ihr Baby zu töten. Henriquez wurde demnach auch nicht entführt.

Das offizielle Dokument, das den Vorfall schildert, wurde von Factcheck.org ins Netz gestellt und kann hier eingesehen werden. Tatsächlich steht darin nichts von einer Schwangerschaft oder Drohung gegen ein Kind. George Floyd habe sich schuldig bekannt, sei wegen des Überfalls 2009 zu fünf Jahren Haft verurteilt und im Januar 2013 entlassen worden, schreibt Snopes

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Foto hat keinen Bezug zu George Floyd. Den Raubüberfall auf Aracely Henriquez gab es, der Vorfall wird jedoch nicht korrekt dargestellt.

Video von Sat1 auf Facebook
Dieses Video – ein Beitrag von Sat1 von 2017 – wird aktuell auf Facebook verbreitet und ist mit hasserfüllten Kommentaren gegen Geflüchtete versehen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird aktuell ein altes Video tausendfach geteilt. Es ist ein Beitrag von Sat1 über Geflüchtete, die 2017 eine Unterkunft in Rees in Nordrhein-Westfalen zerstört haben. Die Verbreiter suggerieren fälschlich, dass es sich um einen aktuellen Vorfall handelt. 

Am 15. Juni 2020 veröffentlichte ein Nutzer auf Facebook ein Video und schrieb dazu: „Einfach unglaublich was hier abgeht. Schaut selbst…“ Der TV-Beitrag stammt vom Sender Sat1 und handelt von acht jungen Männern. Diese hätten in einer Unterkunft für Geflüchtete in Rees-Haldern, in Nordrhein-Westfalen, randaliert und Fenster mit Eisenstangen eingeschlagen. Ein Grund könne der schlechte Handy- und Wlan-Empfang gewesen sein, mutmaßt ein Polizist in dem Beitrag. Ein Polizist sei verletzt worden, die Männer seien jedoch wieder auf freiem Fuß. 

Das Video wurde auf Facebook innerhalb von einer Woche fast 13.000 Mal geteilt. Es fehlt jedoch sämtlicher Kontext. Denn der Bericht ist schon mehr als drei Jahre alt. 

Video auf Facebook
Der TV-Beitrag von Sat1 wurde aktuell auf Facebook verbreitet. (Screenshot am 24. Juni 2020 und Schwärzung: CORRECTIV)

Medienberichte: Acht Geflüchtete randalierten mutmaßlich aufgrund der Bedingungen in der Unterkunft 

Ein Medienbericht über diesen Fall von der Rheinischen Post stammt vom 6. März 2017. Darin steht, die Unterkunft liege weit abgelegen in einem Funkloch. Sie sei erst kurz zuvor eröffnet worden. So steht es auch in einem Bericht der Neuen Ruhr Zeitung vom 5. März 2017: Den Geflüchteten habe die Abgeschiedenheit nicht gefallen. „Wohl auch vor dem Hintergrund und der Sorge, dass sie bei laufenden Asylverfahren nicht auffindbar seien und wichtige Post sie nicht erreichen könne, zudem der Kontakt zur Familie fehle.“ Eine Gruppe habe dann Alkohol gekauft und anschließend in der Unterkunft randaliert. 

Die Pressemitteilung der Polizei und eine Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP im Landtag Nordrhein-Westfalen zu dem Fall bestätigen diese Angaben. Demnach passierte der Vorfall am 4. März 2017. In der Antwort auf die Kleine Anfrage steht: „Gegen die Tatverdächtigen wurden Strafanzeigen wegen Schweren Landfriedensbruchs gefertigt, gegen einen Tatverdächtigen zudem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte (Verletzung des Beamten der Bundespolizei).“ Haftgründe hätten jedoch nicht vorgelegen. 

Verfahren gegen die meisten Männer wurde eingestellt, ein Strafbefehl wurde erlassen

Auf Anfrage von CORRECTIV teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Kleve, Günter Neifer, am Telefon mit, das Verfahren gegen die meisten der Männer sei eingestellt worden. Den Vorwurf des Landfriedensbruchs habe man fallen gelassen, denn dieser hätte eine Verabredung von mehr Personen zu Straftaten vorausgesetzt. In Bezug auf die einzelnen Taten der Männer habe dann bei mehreren kein hinreichender Tatverdacht bestanden. Einer der Männer sei nach Dänemark abgeschoben worden, bei einem weiteren sei der Aufenthalt unbekannt. Gegen einen der Männer wurde jedoch im Mai 2019 ein Strafbefehl des Amtsgerichts Emmerich wegen Körperverletzung und Widerstands erlassen, so Neifer weiter. Dieser beinhalte 20 Tagessätze und sei rechtskräftig.   

In dem Facebook-Beitrag fehlt also sämtlicher Kontext. Es wirkt, als sei der Vorfall erst kürzlich geschehen. In den Kommentaren empören sich unzählige Nutzer mit beleidigenden Sätzen wie „Raus mit dem Pack und keine weiteren hierher holen“, „Abschaum“, oder „Nehmt denen das Handy weg, dann können sie mit einer Buschtrommel nach Hause trommeln“.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es fehlt Kontext. Das Video wird aktuell verbreitet, ohne kenntlich zu machen, dass es drei Jahre alt ist. 

Nach Randalen in Stuttgart
Einsatzkräfte der Polizei stehen am Abend nach den Ausschreitungen in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2020 auf dem Schlossplatz in Stuttgart. (Foto: Marijan Murat/dpa)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird eine Collage mit vier Fotos von verletzten Polizistinnen und Polizisten geteilt, mit der Behauptung, sie stammten aus Stuttgart. Das ist falsch. Die Bilder stammen alle aus Australien und sind zum Teil viele Jahre alt. 

Warnung: In diesem Artikel sind Bilder zu sehen, die zum Teil schwer verletzte Menschen zeigen. 

Auf Facebook kursiert eine Fotocollage mit vier Bildern verletzter Polizisten – angeblich sollen sie aus Stuttgart stammen. Dort hatten am vergangenen Wochenende (in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni) laut Polizei mehrere hundert meist junge Menschen in der Innenstadt randaliert, Geschäfte zerstört und Polizisten angegriffen.

Die Fotos, die jetzt auf Facebook geteilt werden, zeigen zum Teil schwer verletzte Beamte. „Auch das ist Stuttgart, noch Fragen?“, steht in einer Version über der Collage, die mehr als 400 Mal geteilt wurde. In einem anderen Beitrag schreibt ein Nutzer: „Stuttgart: Wo bleiben jetzt die Demos….“. Dieser Beitrag wurde bereits mehr als 1.100 Mal geteilt. Die Bilder stammen jedoch nach Recherchen von CORRECTIV nicht aus Stuttgart, sondern alle aus Australien. 

Facebook-Beitrag zu Stuttgart
Einer der Beiträge auf Facebook vom 22. Juni 2020. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Erstes Foto: Sydney 2012

Das erste Bild oben links von dem knienden Polizisten fanden wir per Google-Bilder-Rückwärtssuche in einem englischen Blog-Artikel von 2013. Dort ist eine vollständigere Version des Fotos zu sehen, allerdings ohne Bildbeschreibung. Wir suchten nach diesem Bild erneut bei Google und fanden es in einem Bericht von ABC News aus Australien. Demzufolge wurde der Mann bei Ausschreitungen in Sydney 2012 verletzt. 

Foto aus Sydney 2012
Das Foto stammt aus Sydney und ist von 2012. (Screenshot: CORRECTIV)

Zweites Foto: Sydney 2019

Das zweite Foto oben rechts von der Frau fanden wir ebenfalls per Bilder-Rückwärtssuche in älteren Medienberichten aus Australien von April 2019 (hier, hier und hier). Demnach wurde das Bild von der Polizei in New South Wales veröffentlicht und stammt aus Sydney, wo die Polizistin laut den Berichten von einem Mann angegriffen wurde. Auf den Fotos mit besserer Qualität ist auch das Logo auf ihrer Uniform als Logo der Polizei New South Wales zu erkennen. 

Foto aus Sydney 2019
Das Fotos stammt aus Australien und ist von April 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Drittes Foto: Meekatharra 2006

Das dritte Foto unten links stammt, wie man an der Uniform erkennen kann, ebenfalls nicht aus Deutschland. Auf dem Hemd stehen die Buchstaben „POLI“ – mutmaßlich für „Police“. Über die Bildersuchmaschine Tineye fanden wir einen Treffer bei ABC News (Australien) von 2009. Im zugehörigen Artikel ist das Foto allerdings nicht zu sehen

Wir suchten deshalb nach dem Namen des Polizisten, der auf der Uniform zu sehen ist, (Markham) und fanden einen weiteren Bericht von ABC News, in dem das Foto gezeigt wird. Demnach wurde der Polizist 2006 in einem Hotel in Meekatharra verprügelt. Über den Fall gibt es noch weitere Medienberichte

Foto aus Australien 2006
Das Foto stammt aus Australien und ist von 2006. (Screenshot: CORRECTIV)

Viertes Foto: Wyndham 2009

Auch das vierte Foto unten rechts fanden wir – ebenfalls per Bilder-Rückwärtssuche – in Medienberichten aus Australien (hier und hier). Sie sind von Ende Dezember 2009 beziehungsweise Anfang Januar 2010 und handeln von einem Vorfall an Weihnachten in Wyndham in Western Australia. Der Beamte sei mit einem Stock ins Gesicht geschlagen worden, als er bei einer Auseinandersetzung zwischen etwa 80 Personen einschreiten wollte. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Fotos zeigen keine verletzten Polizisten aus Stuttgart, sondern stammen aus Australien und sind zum Teil viele Jahre alt. 

michael-ramey
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